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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

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Akademisierung der Berufswelt mit Hindernissen

Beatrice Kübli, SAGW, Kommunikation

Die Schweiz kann den Bedarf an hochqualifizierten Fachleuten nicht selbst abdecken. Woran liegt das? Hat die Schweiz nicht genügend begabte Personen?

Was ist Sinn und Zweck unseres Bildungssystems? Für Josef Widmer vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) steht fest, dass das Bildungssystem auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet werden soll. Die Schweiz kann den Bedarf an hochqualifizierten Fachleuten aber nicht selbst abdecken. Sie ist auf die Hilfe von ausländischen Fachkräften angewiesen. Woran liegt das? Hat die Schweiz nicht genügend begabte Personen? Oder liegt es am System? Am 23. Mai diskutierten Expertinnen und Experten in Fribourg das Bildungssystem und insbesondere die Übergänge von der Sekundar- zur Tertiärstufe.

Soziale Selektion

Wir schöpfen unser Potenzial nicht aus. Davon ist Daniel Oesch, Soziologieprofessor an der Universität Lausanne, überzeugt. Insbesondere Kinder aus einfachen Verhältnissen werden durch die vorherrschenden Strukturen von einer höheren Bildung abhalten. Teilt man die Eltern nach ihrem sozialen Status in vier Gruppen ein, so machen nur gerade 12% der Kinder aus der Gruppe mit dem tiefsten Status einen Hochschulabschluss, hingegen 43% der Kinder aus derjenigen Gruppe mit dem höchsten Status. Das liegt nicht an der Leistungsfähigkeit: Es gilt auch, wenn die Jugendlichen mit 16 im PISA-Test dieselbe Punktzahl erzielt haben. Woran liegt das?

Berufsmatur als Chance

Kinder aus reicheren Schichten haben mehr Vorbilder mit einem akademischen Beruf. Zudem versucht die Familie tendenziell, einen sozialen Abstieg zu vermeiden. Bei Bedarf finanzieren sie ihrem Nachwuchs teure Prüfungsvorbereitungsschulen. Sie begrüssen es, wenn ihr Kind den gymnasialen Weg wählt. Für Eltern aus ärmeren Schichten ist es hingegen eine Erleichterung, wenn ihre Kinder mit einer Lehre bereits dazuverdienen. Seit einigen Jahren besteht die Möglichkeit, eine Berufsmatur zu machen und sich so Zugang zur Hochschule zu verschaffen. In der Tat reduziert die Berufsbildung die soziale Ungleichheit. Aber ob sie ein Sprungbrett in die Hochschulen ist, hängt stark von der Branche ab. 17 von 200 Berufen stellen fast 80% der Berufsmaturitäten. Entscheidend ist weiter die Anzahl der Berufsschulstunden. Bei Lernenden mit weniger als 1380 Berufsschullektionen ist die Chance auf einen Tertiärabschluss um 28% vermindert, wie die TREE-Studie zeigt. Aber auch von jenen, die eine Berufsmatur absolviert haben, gehen im Vergleich zu den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten deutlich weniger an eine Hochschule.

Arbeitsmarkt oder Studium?

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb Jugendlich nach einer Berufsmatur auf ein Hochschulstudium verzichten. Vielleicht reicht das schulische Leistungsvermögen nicht, vielleicht sind sie durch die Lehre so stark auf die Praxis ausgerichtet, dass sie nicht mehr zurück in die Schule wollen. Im Gegensatz zu Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sind die Jugendlichen nach einer Berufsmatur bereits für eine Tätigkeit qualifiziert. Sie können zwischen Arbeitsmarkt und Hochschule wählen. Auf dem Arbeitsmarkt sind sie sehr gefragt. Es ist denkbar, dass dieser Vorteil und nicht der Wunsch nach einem Studium den Entscheid für eine Berufsmatur begünstigt. Viele nehmen dann doch ein Studium auf, wenn auch erst Jahre später. Ob das auf das Bedürfnis nach persönlicher Weiterbildung zurückzuführen ist oder ob es darum geht, sich an die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt anzupassen, ist bisher wenig erforscht.

Individuelle Berufswege

Fest steht: Wer eine tertiäre Ausbildung absolviert, hat bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und verdient auch besser. Ob das reicht, damit alle nach einem Tertiärabschluss streben, ist zumindest fraglich. Das Bildungsverständnis ist stark ökonomisch geprägt. Dabei hängt der Berufsweg auch von familiären und institutionellen Rahmenbedingungen sowie von persönlichen Vorlieben und Zufällen ab. Diese Zusammenhänge sind bisher nur wenig erforscht. Eine verstärkt laterale Durchlässigkeit des Bildungssystems, also beispielsweise die Anrechnung von Berufserfahrungen an ein Studium, würde den individuellen Berufswegen Rechnung tragen und helfen, die Arbeitsmarktfähigkeit zu verbessern.

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