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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

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Open Science überall – und in der Schweiz?

Beat Immenhauser
Open Access Big Data Open Data

Open Science finden grundsätzlich alle gut. Dennoch zeigt sich eine Lücke zwischen den Vorstellungen der Wissenschaftsorganisationen und der Haltung der Forschenden. Was tun?

Open Science Fair 2019

Vor kurzem ist die Tagung Open Science Fair 2019 in Porto zu Ende gegangen. Über 200 Personen aus aller Welt diskutierten und debattierten über Themen wie Plan S, FAIR Principles, Forschungsevaluation, Identifikatoren, Infrastrukturen, Implementierungen oder Citizen Science – Elemente von Open Science eben. Im Grossen und Ganzen herrschte Übereinstimmung in der Vorstellung, wohin die Reise führen soll: Wissenschaft soll offen sein, in vielerlei Hinsicht: Alle Wissenschaftler*innen haben Zugang zu qualitativ hochstehenden Publikationsmöglichkeiten (Inclusivness), die Texte sind sofort frei online verfügbar (Gold Open Access), die Daten dazu werden in Repositorien, die den FAIR Prinzipien entsprechen, abgelegt, das Peer Review ist transparent zu gestalten (Open Peer Review), der Journal Impact Factor ist kein Kriterium mehr für die Beurteilung der Qualität einer Publikation, Daten können aufgrund von Identifikatoren (persistent identifiers), standardisierter Metadaten und offener Lizenzen (CreativeCommons-licenses) weltweit entdeckt (discoverability) und wiederverwendet (re-use) werden, um nur einige Aspekte von Open Science zu nennen. Alle grossen internationalen Organisationen im Wissenschaftsbereich bekennen sich in Positionspapieren und Policies zu den Zielen von Open Science.

Mind the gap

Und wie präsentiert sich die Situation in den Hochschulen? Dazu gibt nun eine neue Studie der European University Association EUA zur Praxis der Beurteilung der Forschungsqualität (research assessment) in einer Hochschule Auskunft, die auf einer Umfrage bei 260 Institutionen aus 32 Ländern basiert. Auf die Frage, welche Art von Forschungsleistung am wichtigsten erachtet wird, wurden klassische Publikationen in Zeitschriften mit 90 Prozent als sehr wichtig oder wichtig bezeichnet. Am untersten Ende der Antworten sind die Bereiche Open Science und Open Access zu finden, die von 38 Prozent als sehr wichtig oder wichtig erachtet werden. Die Frage, wie Forschungsleistung gemessen werden soll, führte zu ähnlich deutlichen Resultaten: Am häufigsten (82 Prozent) wurden Metriken, die auf der Anzahl der Publikationen und deren Zitierhäufigkeit beruhen. Weit weniger häufig (28 Prozent) wurden hingegen auf Open Science Kriterien basierende Metriken genannt. Drei Viertel der Respondenten stimmten überein, dass der Journal Impact Factor und der H-Index die wichtigsten Instrumente für die Bestimmung der Zitierhäufigkeit ist.

Credibility Cycle vs. DORA Declaration

Mit anderen Worten: Hier zeigt sich eine grosse Lücke zwischen den Vorstellungen und Strategien der grossen Wissenschaftsorganisationen und der Haltung der Forschenden an der Basis. Die Vorstellungen, welche Bedeutung Open Science haben soll, gehen weit auseinander. Das Problem ist eigentlich bekannt, wie Frank Miedema von der Universität Utrecht an der Tagung ausführte. Der «Credibility Cycle», ein zyklisches System zur Herstellung und vor allem Bewahrung von wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit und Reputation (siehe Abbildung), basiert auf den herkömmlichen Mechanismen des Zugangs zu Fördermitteln, womit Artikel in Zeitschriften mit hohem Impact Factor generiert werden können, die dann wiederum das Ansehen eines Forschenden steigern, wodurch jener leichteren Zugang zu noch mehr Fördermittel erhält – und so weiter. Dieses «Eco-System» ist selbstreferentiell gestaltet und perpetuiert sich auf diese Weise stetig. Den mächtigsten Hebel, um diesen Zyklus zu durchbrechen, liefert die «San Francisco Declaration on Research Assessment», bekannt unter den Namen DORA Declaration. Diese enthält zahlreiche Empfehlungen für Forschende, Förderorganisationen, Bildungseinrichtungen und Verlage, wie die Beurteilung von Forschungsleistungen jenseits vom Journal Impact Factor und anderen rein quantitativen Metriken gestaltet werden kann. Erst wenn diese anderen Anreize geschaffen werden, kann das bestehende System gekippt werden, so dass Initiativen wie Plan S zur Durchsetzung des Open Access erfolgreich sein können.

Was kann in der Schweiz getan werden?

Angesichts der grossen Lücke zwischen der Basis und den Policy-Organisationen in Bezug auf Open Science, welche die EUA-Umfrage an den Tag gebracht hat, ist guter Rat teuer. Wie bringt man Open Science in Gang, vor allem hier in der Schweiz? Es braucht Anstrengungen in allen Bereichen, und hier tut sich etwas: Noch im Oktober 2019 wird sich unter der Ägide von swissuniversities eine Open Access Alliance mit den wichtigsten Schweizer Akteuren im Gebiet des wissenschaftlichen Publizierens konstituieren sowie das Kick-off-Meeting für den Aktionsplan zur Umsetzung der nationalen Open Science Strategie in Lausanne stattfinden. Diese Initiativen sind wichtig, um Prozesse koordiniert in Gang zu bringen. Aber es braucht auch in der täglichen Arbeit der zuständigen Personen Anstrengungen, um Open Science zur Realität werden zu lassen. Ein gutes Beispiel ist die Einführung differenzierter Qualitätskriterien bei Berufungsverfahren. Hier geht es darum, ein Set multipler Kriterien anstelle ausschliesslich quantitativer Metriken einzusetzen. Eine einfach zu implementierende Vorlage liefert die «Open Science Career Assessment Matrix (OS-CAM)», die 2017 von der Open Science Working Group on Rewards / Recognition des Directorate General for Research and Innovation der EU Kommission entwickelt wurde. Diese Matrix kann sowohl für einzelne Karrierestufen als auch disziplinär angepasst werden. Die SAGW ihrerseits wird sich weiterhin für die Einführung von Open Access der durch sie geförderten Zeitschriften einsetzen. Dabei setzt sie in erster Linie auf Platinum Open Access-Modelle, die eine nachhaltige Finanzierung ohne Artikelgebühren erlauben – eine Modell, dass die SAGW auch für Zeitschriften von Dritten einführen möchte. Was auch immer getan wird auf verschiedenen Stufen – das Ziel wäre, dass es in zehn Jahren keine Open Science Fair-Anlässe mehr braucht und die Sitze auf solchen Panels leer bleiben oder sich anderen Themen widmen können.