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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Geschichte der SAGW

Die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) ist neben der Akademie für Naturwissenschaften (SCNAT, früher SANW), der Akademie für Medizinische Wissenschaften (SAMW) und der Akademie für Technische Wissenschaften (SATW) eine der vier wissenschaftlichen Akademien in der Schweiz. Sie wurde 1946 in Zürich als Schweizerische Geisteswissenschaftliche Gesellschaft (SGG) gegründet. Den Anstoss zur Gründung gab die Union Académique Internationale (UAI), die mit dem Wunsch an die Allgemeine Geschichtsforschende Gesellschaft der Schweiz (seit 2001 Schweizerische Gesellschaft für Geschichte) herangetreten war, in der Schweiz eine Institution zur Beteiligung an den Aktivitäten der UAI zu schaffen. Zu den Aufgaben der neuen Gesellschaft zählten neben der internationalen Zusammenarbeit insbesondere die Image-Förderung der Geisteswissenschaften in Gesellschaft und Politik.

Vorgeschichte der europäischen Akademien im Kontext

Was wir heute historisch unter den Begriff «Akademien» fassen, ist ein weites institutionelles Feld, das von privaten Gesprächszirkeln, über beratende Expertengremien bis zu elitären Forschungseinrichtungen reicht. Akademien beschäftigten sich mit so verschiedenen Dingen wie Architektur und Astronomie, Bergbau, Botanik, Sprache, Tanz und Technik, Malerei oder Medizin. Sie konnten von einem Hof oder einer Universität betrieben und privat oder staatlich finanziert sein.

Die Wurzeln der europäischen Wissenschaftsakademien reichen in die italienische Renaissance zurück. Ab dem 15. Jahrhundert schlossen sich in den norditalienischen Städten Sprachgelehrte, Ärzte oder Juristen zu gelehrten Zirkeln mit losen Verbindungen zu den Universitäten zusammen. Dieses Modell wurde bald auch nördlich der Alpen aufgenommen. Dabei spielten auch Fürsten und Städte eine Rolle, die diese sogenannten «Sodalitäten» an ihren Höfen förderten. Die ersten dauerhaften Akademien entwickelten sich ebenfalls in Italien, wo um die Mitte des 16. Jahrhunderts die ersten Kunst- und Sprachakademien entstanden. Ab dem 17. Jahrhundert folgten in West- und Südeuropa naturphilosophische Wissenschaftsakademien, die dem Grundsatz folgten, nur experimentell bewiesenes Wissen anzuerkennen. In Rom wurde 1603 die Academia dei Lincei gegründet, in Paris 1635 die Académie française, in London 1660 die naturwissenschaftliche Royal Society, die alle bis heute bestehen.

Im 19. Jahrhundert wurden die Universitäten zu professionellen Lehr- und Forschungsanstalten umgestaltet. Die Akademien verloren damit an Bedeutung, ihre Funktionen und Positionen wandelten sich fundamental. Es blieben ihnen indes einige Tätigkeitsfelder, die noch heute relevant sind: Etwa die wissenschaftspolitische Intervention zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen, die Fördertätigkeit von Projekten und Personen sowie die Vergabe von Reputation durch die Aufnahme geeigneter Kandidaten in den Kreis ihrer Mitglieder. Im 19. Jahrhundert wurden zudem wissenschaftliche Grossprojekte wie Quelleneditionen oder Wörterbücher in Angriff genommen, die zum Teil bis heute einen wesentlichen Teil der Raison d’Être der Akademien darstellen.

Akademien in der Schweiz

In der Schweiz verhinderten fehlende zentralstaatliche Instanzen und die Zurückhaltung gegenüber fürstlich-repräsentativen Einrichtungen lange den Aufbau von modernen Akademien. Die Akademien in der Schweiz beruhen auf anderen Traditionen, etwa dem Vereinswesen. So entstand 1815 die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft (SNG), die heutige Akademie der Naturwissenschaften, als ein gesamtschweizerischer Zusammenschluss von Wissenschaftlern.

Die übrigen Akademien, so auch die SAGW, wurden erst während oder nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Die Landschaft der staatlichen Bildungs- und Forschungsverwaltungsbehörden war in dieser ersten Phase ihres Wirkens noch nicht so dicht bevölkert wie heute. Um Lücken vor allem in der Nachwuchsförderung und der internationalen Anbindung der Schweizer Forschenden zu schliessen, initiierten die damaligen Akademien 1952 die Stiftung des Schweizerischen Nationalfonds. Die formale Anerkennung der Akademien als staatliche Förderorganisationen erfolgte schliesslich 1983 im neuen Forschungsgesetz des Bundes. Seit den 1980er Jahren ist in der Schweiz eine engere Zusammenarbeit der einzelnen Akademien untereinander zu beobachten.

Eine Schweizer Einheitsakademie?

Die Idee einer einzigen Akademie, die alle wissenschaftlichen Bereiche zugleich gegenüber dem Hochschulbereich, der Politik und der Öffentlichkeit repräsentiert, hat eine lange und nicht spannungsfreie Vorgeschichte. Bereits in den 1930er Jahren kam die Idee auf, eine einzige, übergreifende Schweizerische Akademie zu gründen. Der Schriftsteller Robert Faesi propagierte 1933–1934 die Idee einer Akademie mit den Abteilungen «Wissenschaft», «Kunst» und «Volk», stiess damit aber auf Ablehnung. 1943 wurde die Idee erneut diskutiert, diesmal von Exponenten der grossen Wissenschaftsbereiche. Man hegte die Vorstellung einer umfassenden Dachorganisation in Form eines Nationalfonds.

Um 1970 arbeitete Augustin Lombard, Präsident der SNG, ein Konzept aus für eine Schweizerische Akademie mit den bestehenden Akademien als Unterklassen. Auch dieses Konzept blieb Makulatur, da es demokratisch-föderalistischen Haltungen zu widersprechen schien. 1981 schlossen sich die SAGW, die SAMW und die SANW zwecks Mitarbeit in der European Science Foundation (ESF) zur Konferenz der schweizerischen wissenschaftlichen Akademien (CASS) zusammen. Später beteiligte sich auch die SATW.

Im Jahr 2000 wurde die Zusammenarbeit der Akademien gefestigt und neu ausgerichtet. Mit den Statuten wurde auch der Name geändert in Rat der schweizerischen wissenschaftlichen Akademien. 2006 schliesslich gründeten die vier Schweizer Akademien den Verbund der Akademien der Wissenschaften Schweiz, wobei sie ihre institutionelle Selbstständigkeit beibehielten. Der Verbund umfasst heute auch das Kompetenzzentrum für Technologiefolge-Abschätzungen (TA-SWISS), die Stiftung Science et Cité sowie weitere wissenschaftliche Netzwerke.

Entwicklung der SAGW

Im Gründungsjahr 1946 bestand die SAGW aus zehn Mitgliedgesellschaften vor allem aus dem historisch-kulturwissenschaftlichen und dem sprachwissenschaftlichen Bereich. Im Verlauf der Jahrzehnte weitete sich das Spektrum der SAGW, insbesondere kamen nun auch Gesellschaften aus dem sozialwissenschaftlichen, ökonomischen und juristischen Bereich hinzu. Bis heute ist die Zahl auf 61 Mitgliedgesellschaften gestiegen, die in den sieben Sektionen «Historische und archäologische Wissenschaften», «Kunstwissenschaften», «Sprach- und Literaturwissenschaften», «Kulturwissenschaften», «Wirtschafts- und Rechtswissenschaften», «Gesellschaftswissenschaften», «Wissenschaft – Technik – Gesellschaft» organisiert sind.

Die organisatorische Erweiterung der SAGW zeigt sich an der zunehmenden Zahl von Kommissionen, Kuratorien und langfristige Editionen, die bei der SAGW angesiedelt sind. Seit den 1990er Jahren ist die SAGW zudem Trägerin von mehreren Unternehmen und wissenschaftlichen Infrastrukturen, darunter die vier nationalen Wörterbücher der Schweiz, deren Anfänge teilweise ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Die Entwicklung, Erweiterung und thematische Öffnung der SAGW lässt sich gut an der Liste der von ihr seit der Gründung herausgegebenen Publikationen  ablesen. Seit 2015 hat die SAGW ihren Sitz im Haus der Akademien in Bern, wo auch der Dachverband Akademien der Wissenschaften Schweiz, die SCNAT und die SAMW domiziliert sind.

Literatur

Hirschi, Caspar (2017): Akademie, in: Sommer, Marianne et al. (Hg.): Handbuch Wissenschaftsgeschichte, Stuttgart, S. 211-224, Online: www.alexandria.unisg.ch/251090/1/Hirschi_Art.Akademie_HandbuchWissenschaftsgeschichte.pdf.

Immenhauser, Beat (2018): Wie der Geist in die Wissenschaft kommt – die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. Vortrag Cercle de la Grande Société, 24. Mai 2018. doi.org/10.5281/zenodo.3243407.

Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (1972): 25 Jahre SGG / 25 ans SSSH.

Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (1996): Auf dem Weg in die Zukunft. 50 Jahre Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, hrsg. von Sitter-Liver, Beat und Carl Pfaff.

Sitter-Livers, Beat: Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW), in: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 06.03.2014, Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/043471/2014-03-06/, konsultiert am 10.06.2019.

Sitter-Livers, Beat: Akademien (Wissenschaften), in: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 28.07.2016, Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/025746/2016-07-28/, konsultiert am 10.06.2019.

Wassmer, Max (1967): Rückblick auf die Gründung und die Entwicklung der SGG 1946–1966 / Rétrospective au sujet de la fondation et du développement de la SSSH 1946–1966 (Sonderdruck aus dem Jahresbericht der SGG 1967 / Tirage à part du rapport de gestion de la SSSH 1967).

Jahreszahlen zur Geschichte der SAGW

1815: Gründung Schweizerische Naturforschende Gesellschaft (seit 1988 Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften)

1943: Gründung Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften

1946: Gründung Schweizerische Geisteswissenschaftliche Gesellschaft

1952: Akademien initiieren Gründung des Schweizerischen Nationalfonds

1981: Gründung Konferenz der schweizerischen wissenschaftlichen Akademien

1981: Gründung Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften

1983: Formale Anerkennung der Akademien als staatliche Förderorganisationen im Forschungsgesetz

1985: Umbenennung der Schweizerischen Geisteswissenschaftlichen Gesellschaft in Schweizerische Akademie der Geisteswissenschaften

1990: Umbenennung Schweizerische Akademie der Geisteswissenschaften in Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

2006: Gründung Verbund Akademien der Wissenschaften Schweiz

2008/2012: Angliederung Kompetenzzentren TA-Swiss/Science et Cité an den Verbund

2015: Gründung Haus der Akademien in Bern