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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

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Gefährdet und isoliert – Auswirkung von Covid-19 auf ältere Personen

Beatrice Kübli

Die Einschränkung durch die Coronakrise zwingt rüstige, selbständige Seniorinnen und Senioren in die Abhängigkeit und Isolation. Das hat psychische und physische Folgen.

Für Risikogruppen gelten verschärfte «Haftbedingungen». So kommt es manch einem in diesen Tagen vor. Da predigte man bisher immer, wie wichtig es sei, dass ältere Personen möglichst lange selbständig bleiben können, dass sie ihre sozialen Kontakte pflegen, sich bewegen und auf die Fitness achten. Und plötzlich sollen sie all dies auf keinen Fall mehr tun. Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf die psychische und physische Gesundheit der Senior*innen aus?

Auferlegte Bedürftigkeit

«Ob ich wohl mit meinem Rollator noch kurz ins Coop darf?» Solche Fragen beschäftigen nun Personen aus der Risikogruppe. Gehen sie als offensichtlich Gefährdete trotzdem kurz selbst einkaufen, müssen sie damit rechnen, dass ihnen Wut und Ärger entgegenschlägt. Schliesslich schränkt sich die ganze Bevölkerung ein, um eben diese Gruppe zu schützen. Dabei setzten gerade betagte Personen längst auf Lieferdienste wie coop@home oder LeShop. Nur in diesen Tagen erhalten sie keine Termine mehr für die Lieferungen und müssen andere Wege suchen. Zum Glück gibt es in vielen Quartieren hilfsbereite Nachbar*innen, die Einkaufsdienste übernehmen. Bei den Senior*innen hinterlässt das dennoch oft ein schales Gefühl der Bedürftigkeit. Diese gefühlte Abhängigkeit könnte man leicht umgehen, wenn ältere Personen bei den Lieferdiensten Priorität hätten.

Sozialkontakte in der Glasbox

Immerhin sind das Bestellen und Liefern von Einkäufen bei den Nachbarn noch eine kleine Quelle sozialer Interaktion. Davon gibt es im Moment nicht mehr viele. Gerade ältere Menschen, die alleine leben, sind isoliert. Es bleibt das Telefon – und bei digital gerüsteten Senior*innen die Videokonferenz. Aber das bedingt bestehende soziale Kontakte und auch den Mut, einfach anzurufen. Die Not macht erfinderisch. Im Tessin gibt es nun eine Telefonhotline zum Plaudern und Altersheime haben eine Glasbox für Besuche eingerichtet, wie SRF berichtete. Dennoch, der persönliche Kontakt fällt weg. Und Gespräche via Telefon, Bildschirm oder Glasscheibe können nie ein Osterfest ersetzen, bei dem man den ganzen Tag zusammensitzt.

Gefahr für die Gesundheit durch Isolation

Auch auf die physische Gesundheit kann sich die gegenwärtige Situation negativ auswirken. Ob Einkaufen, sich mit Freunden treffen oder ein Ausflug in die Berge – Aktivitäten, die mit Bewegung verbunden sind, fallen nun weg. Viele trauen sich kaum mehr, aus dem Haus zu gehen. Im fortgeschrittenen Alter kann das verheerende Folgen haben: Die Kondition nimmt ab, Muskeln bilden sich zurück, die Gefahr von Stürzen nimmt zu. Zudem weiss man, dass eine angeschlagene Fitness den Verlauf von COVID-19 verschlechtern kann. Schliesslich fürchten Gefässmediziner, dass die Anzahl Amputationen zunehmen könnte. Nicht direkt wegen Corona, aber indirekt, weil von Gefässkrankheit Betroffenen aus Furcht vor Ansteckung oder aus Rücksichtnahme ihre Arzttermine absagen.

Studien zu den sozialen Auswirkungen des Coronavirus

Wie sich das Coronavirus auf das Verhalten und das soziale Zusammenleben auswirkt, ist zurzeit Gegenstand vieler Studien. Der deutsche Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten (RatSWD) sammelt auf seiner Website Informationen zu den einzelnen Initiativen. Auch der Schweizerische Nationalfonds hat einen Call zu den Coronaviren lanciert. 270 Gesuche gingen ein, davon 75 aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Seit ein paar Tagen sammelt übrigens die Universität Basel Daten zum psychischen Befinden der Schweizer*innen während der Coronakrise. Machen Sie mit bei der «Swiss Corona Stress Study»: https://www.coronastress.ch

Altersfreundliche Umgebungen – und (noch) keiner ist da

Im September planen wir eine grosse, nationale Tagung zu altersfreundlichen Umgebungen. Es geht unter anderem darum, wie wichtig öffentliche Räume für soziale Begegnungen sind, oder die Nähe zu öffentlichen Verkehrsmitteln, um die Mobilität zu erhalten. Im Hinblick auf die gegenwärtige Situation wirkt das fast zynisch. Die aktuelle Situation zeigt aber ganz deutlich den Bedarf und Nutzen altersfreundlicher Umgebungen. Die Art, dies zu beweisen, wäre indessen wohl von keiner Ethikkommission bewilligt worden. Es bleibt zu hoffen, dass diese Situation nicht mehr allzu lange andauert, und dass wir uns schon bald ganz konkreten Projekten zur Verbesserung altersfreundlicher Umgebungen widmen können. Wir sind zuversichtlich, dass wir Ihnen im September wieder im persönlichen Kontakt solche Projekte vorstellen können.

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