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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

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Geisteswissenschaftliche Aufklärung im Zeichen des Covid

Wuchtig manifestiert sich in der Covid-Krise die Relevanz der geistes- und sozialwissenschaftlichen Perspektive. Ein Kommentar von Markus Zürcher.

Es sind in diesen Wochen wohl mehr Leute unterwegs, die Informationen aufbereiten, diese in Statistiken und Grafiken darstellen, «Pandemie-Stäbe» organisieren, Empfehlungen erlassen und dies alles kommunizieren, als solche, die Covid-Patienten medizinisch versorgen. Was in der Informationsflut individuell aufgenommen wird, schafft ein «Bewusstsein», das sich in Vorstellungen, Beurteilungen und Abschätzungen manifestiert.

Ein lückenhaftes, auch widersprüchliches Wissen steuert in einer bedrohlichen Situation über Affekte und Emotionen, Interessen, Werte und inkorporierte Normen das Verhalten der Einzelnen. Von Relevanz ist dies, weil die Epidemie bislang nur durch das «Verhalten» von Individuen und Gruppen abgewehrt werden kann. Es sind Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen, die mittels individualpsychologischen und sozial-kulturellen Ansätzen das Tun und Lassen von Individuen und Kollektiven erfassen können. Epidemologen sind nun mit sozialwissenschaftlichen Methoden folgerichtig am Zuge.

Klein ist nicht das Virus, sondern der Mensch

Gefragt ist die Geschichte, um die Geschehnisse einzuordnen und die möglichen Folgen hypothetisch abzuschätzen. Ein bis in das Mittelalter zurückreichendes kollektives Gedächtnis aktiviert sich, welches die möglichen Szenarien bebildert und beschreibt. Wohin man ging, wie man lebte, sich schützte, sich austauschte und unterhielt, ist wieder von Interesse. Zahlreiche Artikel über die Geschehnisse und Folgen von vergangenen Pandemien wurden in verschiedenen Zeitschriften publiziert. Offensichtlich, auch logisch, ist, dass dieses seltene epochale Ereignis nur in einem historischen Zeithorizont reflektiert, in seinen Folgen eingeschätzt und in seinen vielen Aspekten erfasst werden kann.

Tugenden, Werte und Einstellungen orientieren das Verhalten, damit die normative Dimension, womit die Philosophie befasst ist. In einer theologisch-metaphysisch Perspektive präsentiert sich die Menschheit abrupt in ihrer Ohnmacht im Ganzen der Schöpfung: Klein ist nicht das sichtbare Virus, sondern der Mensch.

Die Nation ist zurück

Verändern wird sich kurz- und langfristig vielleicht unser Verständnis von Distanz und Nähe: Vor dem Covid bedeutete Distanz 7000 Flugmeilen, heute zwei Meter. Dieses Phänomen wird abflachen, jedoch langfristig die Austauschformen prägen. Organisierte Nachbarschaften und Quartiere werten den Nahraum auf. Ebenso sind die Grenzen zwischen den Kantonen wieder sicht- und direkt wahrnehmbar, spätestens dann, wenn man mit einem Auto mit dem falschen Kantonsschild unterwegs ist.

Die Nation ist zurück: Deutschland will wegen dem Covid keine Euro-Bonds auflegen, setzt in Sachen Geld und Covid auf Selbstdisziplin. Rascher Einsatz und rascher Abschluss inszeniert Österreich mit dem maskierten Kanzler, was an grosse Auftritte in Oper und Theater gemahnt. In Italien hat der von linken und rechten Populisten aus dem Nichts erkorene Premierminister mit dem Covid die höchste Zustimmungsrate seit Mussolini erzielt. Anders sieht es für Boris Johnson aus: Mit Polemik und Provokationen hat er die Länder des Königsreichs auseinandergetrieben und wurde vom Covid auf dem falschen Fuss erwischt. Der Austritt Schottlands ist jedenfalls nicht weniger wahrscheinlich geworden. Mit dem Aufbau von grossen Lazaretten und Aufbahrungshallen setzt Frankreich nach langem Zögern martialisch die Armee ein. Holland und Schweden geben sich lasch, signalisieren eine mit deren Image kongruente, libertäre Position.

Soziale Ungleichheiten werden verstärkt

Auf allen Stufen, von der Politik, dem Arbeitsort, der Schule, bis zur Familie offenbaren sich die Stärken und die Verletzlichkeit der sozialen Beziehungen. Da der Impfstoff noch nicht verfügbar ist, wurde mit den getroffenen Massnahmen ein reales Sozialexperiment angestossen, dessen Folgen, namentlich die Unbeabsichtigten, viel Stoff für sozialwissenschaftliche Forschung hinterlassen werden.

Nicht der Covid, sondern die getroffenen Massnahmen werden vermutlich verschiedene Lebensbereiche verändern: Angetrieben wird die digitale Transformation, die möglicherweise das Private und die Arbeit verstärkt vermischt. Leicht bedienbare und robuste Konferenz-Tools könnten Geschäftsreisen reduzieren. Der Online-Handel wird wohl die Marktanteile erhöhen. Über alle Bereiche der Wirtschaft werden die Karten neu gemischt: Hoch volatile Börsen selektionieren die Gewinner und Verlierer. Ausgemarcht ist dies, wenn sich die Kurse wieder stabilisiert haben.

Keine Glaskugel braucht es, um soziale Verwerfungen zu identifizieren: Die bis heute getroffenen Massnahmen führen zu Bevorteilungen und Benachteiligungen. Im Unterschied zu den Börsen werden jedoch die Karten nicht neu verteilt, sondern die bestehenden, bestens bekannten sozialen Ungleichheiten verstärkt.

Markus Zürcher ist Generalsekretär der SAGW.

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