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«Archäologische Funde wachsen nicht nach»

Heinz Nauer

Archäologe und Numismatiker Markus Peter hat sich über 30 Jahre mit historischen Münzfunden beschäftigt. Im Interview spricht er über die Archäologie als Feuerwehr, das Emotionale hinter Münzen und die digitalisierte Numismatik.

Herr Peter, was hat es eigentlich mit der Faszination antiker Münzen auf sich?

Das ist individuell natürlich ganz verschieden. Ich selber bin von Haus aus Archäologe. Unter den archäologischen Funden war für mich die Münze immer das spannendste Objekt, weil sich in ihr viele Disziplinen und Perspektiven verdichten: Die Münze ist nicht nur ein archäologisches und ein ökonomisches Objekt, sondern ein Schrift- und Informationsträger wie andere historische Quellen auch. Die Autoritäten, die im Laufe der Zeit Münzen prägten, hatten immer ganz bestimmte Ideen und verbreiteten mit ihren Münzen spezifische Botschaften. Zudem ist die Münze ein Medium, das man anfassen und sinnlich erfahren kann. Ich möchte auch betonen, dass sich die Numismatik und auch das IFS nicht nur mit antiken Münzfunden befassen, sondern mit allen Münzfunden von der Frühzeit bis ins 21. Jahrhundert.

Das Inventar der Fundmünzen Schweiz möchte Fundobjekte auch «einer interessierten Öffentlichkeit» zugänglich machen. Gibt es diese Öffentlichkeit, die sich für Münzfunde interessiert, überhaupt noch?

Sie verändert sich. Unser Zielpublikum sind ohnehin nicht die klassischen Münzensammler. Wir schauen die Münzen in ihrem Kontext an, als archäologisches Objekt. Und wenn wir von Öffentlichkeit sprechen, meinen wir immer auch Institutionen, die professionell mit Münzen zu tun haben. Aber auch eine breitere Öffentlichkeit ist an Münzfunden nach wie vor sehr interessiert. Man sieht dies beispielsweise an historischen «Reenactment-Tagen». Und bei archäologischen Grabungen lautet die erste Frage von Laien häufig: Haben Sie eine Münze gefunden?

Die Zahlung mit Münzen gerät heute aber gerade ziemlich unter Druck…

Ja, das ist so. Dennoch formiert sich gegen Vorschläge, das Bargeld abzuschaffen, jeweils schnell Widerstand. Das war etwa in Schweden der Fall. Dabei geht es nicht nur um Fragen des Datenschutzes. Es scheint etwas Emotionales dahinterzustehen, vielleicht sogar etwas Archaisches.

Mein Eindruck ist auch, dass neue Münzen jeweils auf grösseres Echo stossen als etwa neue Banknoten. Man sah dies neulich bei der Prägung einer Roger-Federer-Goldmünze durch die Swissmint: einerseits war sie im Nu ausverkauft, und andererseits wurden sowohl ihr Design wie später auch die Herkunft des dafür verwendeten Goldes sehr kontrovers diskutiert.

Sie waren 21 Jahre lang Präsident der Kommission des IFS. Vor allem aber arbeiten Sie seit 37 Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Römerstadt Augusta Raurica. Weshalb so lange?

Es mag etwas unzeitgemäss erscheinen, so lange an denselben Positionen zu verbleiben. Es liegt, glaube ich, nicht an meiner Person und einem fehlenden Willen zur Veränderung. Ich habe daneben immer auch an anderen Orten gelehrt und gearbeitet. Augusta Raurica blieb aber stets meine Home Base. Dies hat einen einfachen Grund: Es gibt dort eine unglaublich grosse Menge an Objekten aus gut dokumentierten archäologischen Kontexten, wie man sie sonst fast nirgendwo findet. Das interessiert mich fachlich am meisten: archäologische Objekte aus ihren Kontexten, ihren Vergesellschaftungen und Kombinationen heraus zum Sprechen zu bringen. Und das ist vor allem dann spannend, wenn man mit grossen Datenmengen arbeiten kann.

Die Delegiertenversammlung der SAGW wählte Sie im September für Ihr Engagement für das IFS zum Ehrenmitglied. Das IFS sei in Ihrer Amtszeit als Kommissionspräsident ein «Vorzeigeprojekt der Münzkunde» geworden, sagte Jean-Jacques Aubert, Präsident der SAGW.

Ich verstehe die Ehrung so, dass sie zwar mich als Person benennt, aber das IFS als Ganzes meint. Ich habe die Entwicklung als Kommissionspräsident begleitet und gefördert, aber die Arbeit habe nicht ich geleistet. Rahel Ackermann, die das IFS seit 1999 leitet, und ihr Team haben viel mehr dazu beigetragen. Zudem verstehe ich die Ehrung als Wertschätzung für die Arbeit aller Unternehmen der SAGW.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Errungenschaften des IFS in den letzten rund 20 Jahren?

Die gute Entwicklung des IFS verdankt sich günstigen Konstellationen auf mehreren Ebenen. Als es 1992 gegründet wurde, bestanden vergleichbare Unternehmen im Ausland teilweise bereits seit mehreren Jahrzehnten. In der Schweiz konnte man damals das ganze Unternehmen auf einem weissen Blatt Papier von Grund auf konzipieren – und dabei von den Erfahrungen der Partnerunternehmen im Ausland profitieren.

Das IFS konnte sich schnell vernetzen und als Ansprechpartner für die archäologischen Stellen der Kantone und für Museen etablieren. Das ist sicher ein Erfolg. Bei den meisten Kantonen gab es bis dahin zwar viele Spezialistinnen und Spezialisten für Keramik und andere Fundgattungen sowie für naturwissenschaftliche Archäologie, aber zu wenig numismatisches Fachwissen. Das IFS konnte diese Lücke schliessen. Die Vernetzung mit den Kantonen gestaltet sich in der Schweiz mit ihrer überschaubaren Grösse und dem eingeübten Föderalismus in aller Regel unkompliziert.  

Positiv war auch die Entwicklung der Fundmünzen-Numismatik innerhalb der Digital Humanities, die vergleichsweise früh einsetzte. Die Numismatik eignet sich durch ihren Gegenstand gut für Datenbanken: Münzen als Serienprodukte lassen sich normiert beschreiben, auch in verschiedenen Sprachen, was die internationale Vernetzung der Datenbanken erleichtert. In der Schweiz gab es bereits seit den 1980er-Jahren Bemühungen, Beschreibungsnormen in Bezug auf Datenbanken zu definieren, von denen das IFS profitieren konnte.

Und schliesslich war es aus meiner Sicht ein Glücksfall, dass das IFS im Rahmen der SAGW gegründet werden konnte. Ohne eine klare und tiefe institutionelle Verankerung könnten Infrastrukturprojekte wie das unsere nicht langfristig planen und wären in ihrer Existenz gefährdet. Auch in anderen Ländern sind Fundmünzen-Projekte übrigens oft Akademieprojekte.

Archäologie ist immer auch Feuerwehr, Notgrabung, Retten und Dokumentieren, was sonst verloren ginge.

Kleine Fächer gerieten an den Universitäten in den letzten Jahren unter Druck. Es ist von einer «Neoliberalisierung des Hochschulwesens» die Rede. Wie sehen Sie die Situation der Numismatik als Disziplin?

In der Selbstverwaltung der Universitäten gibt es genauso Verteilkämpfe wie anderswo. Da kann es passieren, dass kleine Fächer unter die Räder kommen. Auf der anderen Seite haben die kleinen Fächer aber den Vorteil, dass sie manchmal unter dem Radar fliegen. Wenn man alle Lehrangebote zur Numismatik zusammenzählt, war sie an den Universitäten wahrscheinlich nie präsenter als heute, auch wenn die «reine Numismatik» als Lehrgang heute fast nirgends mehr angeboten wird, im deutschsprachigen Raum nur noch in Wien. Persönlich war ich allerdings immer der Meinung, die Numismatik sollte nicht isoliert, sondern in enger Verbindung mit anderen Disziplinen betrieben werden.  

Mein Eindruck ist auch, dass sich die Archäologie, die Altertumswissenschaften und mit ihnen auch die Numismatik gut verkaufen und im Vergleich zu ihrer Grösse auch medial sehr präsent sind.

Es ist ein erklärtes Ziel des IFS, «alle fassbaren Nachrichten zu Münzfunden bzw. zu münzähnlichen Objekten (wie Wallfahrtsmedaillen, Rechenpfennige, Marken etc.) aus der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein zu sammeln und zugänglich zu machen». Ist dieses Ziel, das an alte philologische Phantasien der Vollständigkeit rührt, noch zeitgemäss?

Die Idee des kompletten Corpus geht auf die Renaissance zurück und hat tatsächlich eine antiquarische Komponente. Uns geht es aber um etwas Anderes: Archäologie ist immer auch Feuerwehr, Notgrabung, Retten und Dokumentieren, was sonst verloren ginge. Das Wort «fassbar» ist entscheidend. Absolute Vollständigkeit gibt es nicht, aber wir wollen, dass möglichst wenig verloren geht. Archäologische Funde und Befunde sind eine stark bedrohte, nicht erneuerbare Ressource. Sie wachsen nicht nach.

In der Presse kann man immer wieder von Raubgrabungen lesen.

Das ist in der Tat ein grosses Problem. Moderne Metalldetektoren machen es möglich. Die Bronzehand von Prêles im Berner Jura beispielsweise, ein sensationelles Objekt, wurde im Herbst 2017 von zwei Privatpersonen illegal ausgegraben und aus dem ursprünglichen Kontext gerissen. Oder die Himmelsscheibe von Nebra, die 1999 von Raubgräbern in Deutschland gefunden wurde: Da streiten die Experten jetzt wieder darüber, ob sie bronzezeitlich oder eisenzeitlich ist – die genaue Kenntnis von Fundort und -kontext würde diese Diskussion erübrigen.

In diesen beiden Fällen haben wir wenigsten die Originalobjekte. Viele andere Funde gehen der Öffentlichkeit und der Wissenschaft durch Raubgrabungen verloren. Hier sind vor allem die Kantonsarchäologien gefordert. Einige von ihnen lassen mögliche Fundstellen mittlerweile durch autorisierte «Späher» mit Metalldetektoren abschreiten. So kommt sehr viel neues Material zum Vorschein. Das gibt viel Arbeit auch für die Numismatik, denn die Kantonsarchäologien sind darauf angewiesen, dass sie zeitnah korrekte Interpretationen der Funde erhalten.

Sie haben vorhin die Stellung der Numismatik in den Digital Humanities angesprochen. Können Sie Beispiele nennen, bei denen digitale Forschungsmethoden Ergebnisse ermöglicht haben, die mit traditionellen Methoden nicht möglich gewesen wären?

(überlegt) Ein Beispiel, für das ich etwas ausholen muss: In England ist die Rechtslage für Bodenfunde schon länger so, dass Privatpersonen ihre Funde zwar melden müssen, sie aber behalten dürfen. Auf diese Weise konnte man Unmengen von Daten zu archäologischen Funden online zugänglich machen. Ganz vereinzelt findet man in unseren Breitengraden spätbyzantinische Kupfermünzen aus dem 12.-14. Jahrhundert. Die haben bei uns eigentlich nichts zu suchen, dachte man lange, und hat sie als historische Quelle kaum in Betracht gezogen. Wenn man diese Funde aber mit der riesigen Datenmenge in England abgleicht, entdeckt man schnell einen Firnis von byzantinischen Münzen, der sich durchzieht, ganz dünn nur, aber doch sichtbar. Dass diese Münzen damals auch in Westeuropa eine gewisse Rolle gespielt haben, sieht man erst in dieser Masse.

Angenommen, Sie würden die IFS-Kommission nochmals 20 Jahre lang präsidieren. Welche Projekte würden Sie anstossen?

Das IFS hat die Pionierphase ihrer Datenbank mittlerweile hinter sich. Bezüglich internationaler Vernetzung der Normdaten beispielsweise funktioniert noch nicht alles so, wie es in ein paar Jahren sein wird. Doch Fortschritte sind hier nur eine Frage der Zeit. Ich würde weiterhin auf die internationale Zusammenarbeit setzen. Aber das brauche ich gar nicht zu betonen. Das geschieht ohnehin. Das IFS ist hier sehr gut aufgestellt und in den entsprechenden Gremien vertreten.

Auch würde ich immer wieder die Frage nach der Relevanz stellen: Wofür machen wir unsere Arbeit eigentlich? Es war mir immer ein Anliegen, mit dem gesammelten Material, den Quellen, den Daten zu arbeiten und Ergebnisse aus ihnen herauszuholen. Die Datenbasis, die heute vorliegt, erlaubt ein viel schnelleres Arbeiten und ermöglicht, in nützlicher Frist zu relevanten Aussagen zu kommen. Im Vergleich zu noch vor 20 Jahren ist dies ein unglaublicher Fortschritt.

Aber ich wäre heute nicht mehr die richtige Person für eine weitere Amtszeit. Es freut mich umso mehr, dass ich das Amt Daniel Schmutz, Kurator am Bernischen Historischen Museum und ausgewiesener Spezialist für die Numismatik des Mittelalters und der Neuzeit, übergeben konnte.

Fragen: Heinz Nauer, SAGW

Markus Peter

Markus Peter ist Dozent am Institut für Archäologische Wissenschaften der Universität Bern und verantwortlich für den Bereich Numismatik der Römerstadt Augusta Raurica. Von 1998 bis 2019 präsidierte er die Kommission des Inventars der Fundmünzen Schweiz. Seit September 2020 ist er Ehrenmitglied der SAGW.

Referenzen und Links

Hand von Prêles: Beitrag Schweiz aktuell vom 18.09.2018

Himmelsscheibe von Nebra: Webseite des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt 

Inventar der Fundmünzen der Schweiz IFS 

Römerdorf Augusta Raurica