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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

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Das Narrativ einer Pandemie

Beatrice Kübli

Jede Krise hat ihre Geschichten. Was man sich in hundert Jahren über die Coronakrise erzählen wird, wissen wir noch nicht. Aber wir können es beeinflussen.

Ein Virus erfüllt noch nicht einmal die Kriterien, um als Lebewesen zu gelten: kein Stoffwechsel und keine eigenständige Vervielfältigung. Und nun kontrolliert so einer also die Welt. Die Schulen sind geschlossen, die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben kommt zum Erliegen, von öffentlichen Verkehrsmitteln wird abgeraten und wer kann, soll zuhause arbeiten. Wie geht die Gesellschaft mit dem Ausnahmezustand um?

Viren sind ständige Begleiter unserer Gesellschaft. Dadurch, dass sie nicht fassbar, nicht sichtbar sind, machen sie uns Angst. Mit Erklärungen und rationalen Handlungsanweisungen versuchen wir, diese Angst zu kontrollieren. Die Ausbreitung der Pest etwa, wird mit fehlender Hygiene begründet, die Ausbreitung von AIDS mit zu viel sexueller Freiheit und zu wenig Schutz. Solche Erklärungen vermitteln das Gefühl, die Lage kontrollieren zu können. Mit welcher Erzählung der Coronavirus dereinst in die Geschichte eingehen wird, ist noch offen. Vielleicht werden die Chinesen als Schuldige dargestellt, denn, so der Soziologe Stephan Lessenich in der Süddeutschen: «China steckt hinter den vor unseren Augen sich vollziehenden politisch-ökonomischen Machtverschiebungen im Weltsystem. "China" ist die Chiffre für die multipolare Störung des ehedem weltpolitisch herrschenden Gleichgewichts. Entsprechend ressentimentgeladen, angstbesetzt und hasserfüllt begegnet man dem gefährlichen Emporkömmling.» An phantasievollen Erklärungen mangelt es nicht. Der Virus sei aus einem chinesischen Labor ausgebrochen oder neuerdings im Umkehrschluss: Das US-Militär habe das Virus nach Wuhan gebracht. Das gibt Stoff für Filme und Romane, wird sich aber hoffentlich nicht als Narrativ für die Coronakrise durchsetzen können. Wahrscheinlicher ist, dass die Globalisierung und der Kapitalismus verantwortlich gemacht werden. Ob natürliche Folge der zunehmenden Vernetzung und Mobilität oder als «metaphorische Strafe», der Coronavirus «führt tatsächlich zu einer Regression», stellt Georg Seeßlen in der «Zeit online» fest. Das würde die Erzählung festigen, dass der globalisierte Handel mit dem Virus bestraft wurde. Wie auch immer, es bleibt zu hoffen, dass die nächsten Generationen nicht von einer Krise aufgrund mangelnder Solidarität und überzogenem Egoismus sprechen müssen.

Zwischen Hamsterkäufen und Nachbarschaftssolidarität

Gerade in einer Gesellschaft, die viele Freiheiten geniessen darf, sind Verbote unbeliebt. Sich im Moment über die Anweisungen des Bundesrats hinwegzusetzen, wäre allerdings fatal. Es geht nicht primär darum, sich selbst zu schützen, sondern die Infektionen soweit einzudämmen, dass in unseren Spitälern keine Kranken abgewiesen werden müssen. Die SAMW hat Richtlinien veröffentlicht, nach welchen Kriterien die Notfallplätze vergeben würden, aber es würde zu vielen vermeidbaren Todesfällen kommen. Nicht nur die Ignoranz, auch die Angst kann zu unsolidarischem Verhalten führen. «Wer beunruhigt ist, neigt dazu, das Verhalten der Mitmenschen nachzuahmen», erklärt Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich. Dadurch kann eine unnötige Krise entstehen. «Eine Börse im Sinkflug, Hamstereinkäufe, überhöhte Preise für Desinfektionsmittel sind Hinweise für soziale Ansteckung, den Herdentrieb», so Rost. Was als unnötige Angstreaktion beginnt, führt dann aus ganz praktischen Gründen dazu, dass auch stressresistentere Personen mitmachen, wie der Verhaltensökonom Björn Bartling in der NZZ am Sonntag darlegt: «Rein objektiv bestehen zwar keine Anzeichen für eine Versorgungslücke. Doch wenn alle erwarten, dass die anderen mit Hamsterkäufen beginnen, so bin ich gezwungen, ebenfalls Vorräte anzulegen, weil es tatsächlich zu einer Knappheit kommen kann.» Es braucht also Vertrauen, auch eine Erzählung, die Mut macht und Zuversicht verbreitet. Wie zum Beispiel die starke Solidaritätsbewegung, die jetzt zu beobachten ist. Mit Plakaten in Hausfluren und an schwarzen Brettern bieten immer mehr Personen ihren Nachbarn Hilfe bei Einkäufen und Kinderbetreuung an. Auch die in den Zwangsurlaub versetzte Kabarettistin Hazel Brugger ist bereit, Kinderbetreuung zu übernehmen, wie sie via Twitter bekannt gab: «Das klingt zwar creepy aber ich meine das ernst.»

Was wir jetzt tun, zählt

Martin Booms, der geschäftsführende Direktor der Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur in Bonn hofft, dass wir uns angesichts der Krise wieder auf unsere Werte zurückbesinnen. «Dann nämlich könnte ausgerechnet die Corona-Krise jene politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Kräfte eindämmen, die in jüngster Zeit nicht den Geist des Humanismus und der Solidarität, sondern denjenigen der Spaltung, des Ausschlusses und der Priorisierung falsch verstandener Eigeninteressen vorangetrieben haben.» Was man sich in hundert Jahren von der Coronakrise erzählen wird, wissen wir noch nicht. Aber wir können es jetzt beeinflussen. Oder wie es Michael Schoenenberger in der NZZ zusammenfasst: «Gelingt es uns Schweizerinnen und Schweizern, unser Verhalten anzupassen, dürfen wir feststellen: Wir sind ein starkes Volk, weil wir gemeinsam, durch unser Verhalten, die Schwachen schützen. Gelingt es uns nicht, haben wir gemeinsam versagt.»