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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

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Fokus: Die Geisteswissenschaften, das Gender und die Politik

Welcher gesellschaftliche Beitrag wird von den Geisteswissenschaften erwartet? Und wo liegen die Grenzen ihres gesellschaftspolitischen Engagements? Das Verhältnis wissenschaftlicher Arbeit zur Gesellschaft ist keine Frage unter anderen: Sie ist seit jeher eine treue Begleiterin der akademischen Forschung und flammt – in unterschiedlicher Gestalt und an ganz verschiedenen Orten und Kontexten – immer wieder auf.

Derzeit beispielsweise in der Neuen Zürcher Zeitung, die den Geisteswissenschaften in den letzten Monaten in verschiedenen Artikeln wahlweise leere Professionalisierung und Methodenversessenheit (und also gesellschaftspolitische Irrelevanz) oder aber politischen Aktivismus (und also zu viel gesellschafspolitischen Einfluss, aber der falsche) vorwarf.

Marlene Iseli entflechtet die Stränge der Debatte in einer auf der Website der SAGW publizierten Replik und setzt sich mit den Spannungen und mitunter auch Widersprüchen zwischen den verschiedenen Argumenten auseinander: Berufen sich die Geisteswissenschaften allzu gewissenhaft auf methodologische Prinzipien, werde ihnen die Relevanz abgesprochen, lassen sie dem Interpretationsprozess freieren Lauf die Wissenschaftlichkeit, so Iseli.

Gender und Anti-Gender

Besonders mit den Gender Studies tun sich Kritiker häufig schwer. «Ist das noch Moral oder schon verordneter Feminismus?», fragte die NZZ im November rhetorisch. Der Historiker Vojin Saša Vukadinović schrieb wenige Wochen später in einem Gastkommentar, die Geschlechterforschung sei getragen von der «moralischen Emphase, es gut zu meinen und noch besser zu wissen» und vertrete letztlich einen paternalistisch-reaktionären Kulturrelativismus. Die Basler Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach hingegen sagt in einem Interview mit dem Online-Magazin Republik, es sei als auch als Forscherin völlig legitim, politisch aktiv zu werden. Hinter der Anti-Gender-Wissenschafts-Haltung stecke ein «autoritäres und anti-intellektuelles Wissenschaftsverständnis». Und: «Emanzipation und progressive Idee als totalitär abstempeln, sind ein Trick. Ein Trick, um bewahren zu können.»

Ein dissonanter Chor

Es ist ein dissonanter Chor aus Stimmen, die je ihre eigenen Linien um das Feld ziehen, in dem die (Geistes)wissenschaften sich zu bewegen oder wo sie nichts zu suchen haben. Manche der Stimmen sind kompromisslos, wie jene des französischen Philosophen Geoffroy de Lagasnerie, der in seinem Buch «Denken in einer schlechten Welt» (2018) eine «ethische Verpflichtung» der Wissenschaftler, Künstlerinnen und Intellektuellen postuliert, mit ihrer Arbeit zu mehr Gleichheit und Gerechtigkeit in der Welt beizutragen. Andere Stimmen sind gemässigter, wie jene des Genfer Soziologen Sandro Cattacin, der in einer Kolumne im SAGW-Bulletin nicht für Aktivismus plädiert, aber für politische Verantwortung der Forscherinnen und Forscher, die ihre Ergebnisse als Intermediäre in die Öffentlichkeit und gegebenenfalls in die Politik begleiten sollten.

Die Geisteswissenschaften seien ein Versuch, die menschliche Existenz in all ihren Facetten zu fassen, schreibt Marlene Iseli in ihrer Replik. Einige Disziplinen wiesen das «Potenzial auf, zum erwünschten Transformationswissen» beizutragen, andere liefen – darin der Grundlagenforschung in anderen Disziplinen ähnlich – nicht auf eine Anwendung hinaus. Direkte Kausalitäten, etwa zwischen den Gender Studies und der gesellschaftlichen Diskussion über die soziale Konstruktion von Geschlechtern, seien aber «fast unmöglich nachzuvollziehen».