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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

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Fokus: Ungleichheit – Inégalité

Das neue Bulletin der SAGW befasst sich mit verschiedenen Aspekten sozialer Ungleichheit: mit Geschlechtergerechtigkeit und Wirtschaftseliten, mit Erbschaftssteuern und dem Drang in die gesellschaftliche Mitte. Im Dezember, als die Vorbereitungen für das Heft begannen, schien die soziale Ungleichheit eines der drängenden Themen der öffentlichen Debatte zu sein. Dann drängte das Corona-Virus alles andere in den Hintergrund. Bald aber kehrte die Frage der Ungleichheit, in krisenhaft verwandelter Form, in den öffentlichen Diskurs zurück: Die Karten würden in der Krise nicht neu verteilt, sondern die bestens bekannten sozialen Ungleichheiten weiter verstärkt, schrieb beispielsweise Markus Zürcher, Generalsekretär der SAGW, in einem Kommentar.

Krisenreflexionen

Nach den Epidemiologen, Virologen und Biologinnen, legten auch die Ökonomen, Philosophen, Psychologen oder Politikwissenschaftlerinnen ihre Zurückhaltung bald ab und traten mit Meinungen, Expertisen und Analysen zur sozioökonomischen Ordnung an die Öffentlichkeit:

  • Der deutsche Philosoph Markus Gabriel sieht derzeit gleichsam «moralischen Fortschritt» und «anthropologische Missstände» und erkennt in einem Interview eine Aufgabe der Geistes- und Sozialwissenschaften darin, «bereits jetzt an einem neuen Gesellschaftsmodell zu arbeiten».
  • Die politischen Entscheide würden vorwiegend den Interessen der Mittel- und der Oberschicht entsprechen. Es gelte, die «Gesellschaft in der Schweiz vor dem sozialen Meltdown zu bewahren», sagt Gesellschaftswissenschaftler Oliver Nachtwey gegenüber Swissinfo.ch.
  • Für Bruno Latour ist die Krisendisruption ein Versprechen: «Das Letzte, was wir tun dürfen, ist, alles, was wir vorher machten, auf identische Weise wieder aufzunehmen», schreibt er im französischen Onlinemagazin AOC.
  • Die Länder seien in der Krise zu so etwas wie «überzeichneten Versionen ihrer selbst» geworden, sagt der Ökonom Dani Rodrik auf Project Syndicate; Covid-19 werde die Welt aber keineswegs nachhaltig verändern.

(Vielleicht nicht ganz zufällig stammen alle vier herausgegriffenen Zitate von Männern: «In den Köpfen vieler Menschen gibt es diese Koppelung von Expertise und Männlichkeit auf der einen Seite und die starke Verbindung von Weiblichkeit und Fürsorge­arbeit auf der anderen Seite», sagt Geschlechterforscherin Patricia Purtschert im Interview mit dem Onlinemagazin Republik.)

Das kürzlich lancierte Blog-Projekt «Viral» an der Universität Lausanne, eine Art offenes Versuchslabor der Krisenreflexion, möchte die zahlreichen verstreuten Beiträge und Initiativen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, die in Zusammenhang mit der Krise stehen, dokumentieren und kanalisieren. «Viral» soll darüber hinaus eine Verbindung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft herstellen und «den Reichtum des Wissens allen zugänglich machen, die dieser Krise einen Sinn geben wollen», schreiben die Initiantinnen und Initianten auf der Website.

Gewinner und Verlierer

Eine Hochkonjunktur erleben derzeit auch sozialwissenschaftliche Erhebungen, die nach dem Wohlbefinden und der Gesundheit der Menschen in der Krise (Covid-19 Social Monitor, ZHAW und Universität Zürich), ihrem Stressempfinden (Swiss Corona Stress Study, Universität Basel) oder nach den Auswirkungen der Krisenmassnahmen (Mannheimer Corona-Studie) in ihrer sozialen Schichtung fragen.

Mit ungleichen Effekten des Lockdowns befasst sich auch die Analyse «Corona-Lockdown und Homeoffice in der Schweiz» (Christian Rutzer und Rolf Weder, Univ. Basel). Die Autoren kommen zum Schluss, dass einige Personengruppen von der Krise sehr viel stärker betroffen sein werden als andere; beispielsweise ist die Möglichkeit von Homeoffice bei tiefen Einkommen deutlich weniger gegeben als bei höheren Einkommen. In der Bevölkerungsgruppe mit einem jährlichen Einkommen von weniger als 65 000 Franken beispielsweise besteht nur noch für rund 30 Prozent der Personen die Möglichkeit von Homeoffice.

Die Analyse impliziert aber auch, dass die Corona-Krise nicht nur die bestehenden sozioökonomischen Ungleichheiten verstärken, sondern auch unerwartete Effekte zeitigen könnte, wie die Neue Zürcher Zeitung folgerte. So sei, wer im Homeoffice arbeitet, leichter durch günstigere Ausländer ersetzbar als andere Berufsleute. («Die Gewinner von heute könnten die Verlierer von morgen sein.»)