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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

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Frauen in der Krise

Beatrice Kübli

Gefordert, gefährdet und marginalisiert – die Coronakrise zeigt deutlich, dass die Gleichstellung noch nicht erreicht ist. Wo liegen die Probleme? Und wie hängt das alles zusammen?

Wir bewegen uns langsam zurück in Richtung Normalität. Seit gestern sind Schulen, Läden und Museen wieder geöffnet. Aber es wird nicht mehr so sein, wie es früher war. Einer Lupe gleich vergrössert der Ausnahmezustand die Sicht auf die gesellschaftliche Situation in der Schweiz und hebt bestehende soziale Ungleichheiten nun besonders deutlich hervor. Wer bisher am Existenzminimum lebte, ist jetzt vielleicht bereits auf Sozialhilfe angewiesen. Kinder aus schwierigen Verhältnissen haben nun erst recht Mühe, den schulischen Anforderungen zu genügen. Und klar wird auch: Die Geschlechtergleichstellung ist in der Schweiz noch nicht erreicht.

Gefordert: Systemrelevante Berufe sind Frauensache

Seit Mitte März sind sie in aller Munde: die systemrelevanten Berufe. Dazu gehören die Berufe aus dem Gesundheitswesen und aus dem Detailhandel. Diese Berufe haben nicht nur gemeinsam, dass sie systemrelevant sind, sie werden auch vorwiegend von Frauen ausgeübt und überdies schlecht bezahlt (Studie aus Deutschland, aber in der Schweiz dürfte sich die Situation ähnlich präsentieren). Zwar wurde der Einsatz mit Applaus gewürdigt, aber Lohnverhandlungen stehen keine an. Das Geld fliesst in die Rettung der Wirtschaft. Oder wie die NZZ am Sonntag die Situation umschreibt: «Viel Arbeit von vielen Menschen wird also geleistet, damit der durchschnittliche Schweizer Arbeitnehmer seine Funktion erfüllen kann. Trotzdem zählt vorab seine Arbeit, wenn von Wirtschaft gesprochen wird.» Zu dieser Arbeit gehören auch all die unbezahlten Tätigkeiten, wie die Betreuung von Kindern, weiteren Angehörigen und der Haushalt: Aus dem Bericht "Anerkennung und Aufwertung der Care-Arbeit" geht hervor, dass 93% der Care-Arbeit für Kinder und immerhin 34% der Care-Arbeit für Erwachsene unentgeltlich und mehrheitlich durch Frauen geleistet wird. Im Übrigen auch, wenn sich das Paar vorgenommen hat, die Aufgaben gleichberechtigt aufzuteilen, wie René Levy in einer Publikation zur Retraditionierung zeigt. Das hat Konsequenzen: Ein 100%-Tätigkeit ist kaum mehr möglich, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt verschlechtern sich, die Absicherung der Rente ist nicht gewährleistet und die Armutsgefahr liegt deutlich höher.

Gefährdet: Häusliche Gewalt

Die Coronakrise befördert ein weiteres, bisweilen verdrängtes Problem zutage: die Gewalt an Frauen (siehe auch SAGW-Tagungsbericht «Gewalt an Frauen»). Frauen werden siebenmal häufiger umgebracht als Männer. Letztes Jahr verloren gemäss Bundesamt für Statistik 19 Frauen ihr Leben in den eigenen vier Wänden, nicht selten durch ihren eigenen Partner. 28 Frauen überlebten einen Tötungsversuch und weitere 85 erlitten eine schwere Köperverletzung. In der Coronakrise verstärken sich vor allem die situativen Auslöser von Gewalt, wie finanzielle Sorgen oder Alkoholkonsum. Bereits einige Tage nach dem Lockdown verzeichneten mehrere Länder eine Zunahme der häuslichen Gewalt. Dass in der Schweiz die Fallzahlen nicht steigen, ist für Dirk Baier von der ZHAW Soziale Arbeit noch keine Entwarnung: «Vielmehr führt der Lockdown dazu, dass häusliche Gewalt weniger entdeckt und seltener an die Fachstellen vermittelt wird. Die Schulen, die Vereine und andere öffentliche Einrichtungen sind geschlossen und können ihre Rolle, solche Fälle aufzudecken, nicht ausüben.»

Marginalisiert: Expertise ist männlich

In den Medien, die sich zurzeit vorwiegend mit Corona beschäftigen, fällt noch etwas auf: Zu Corona und seinen Auswirkungen äussern sich fast ausschliesslich Männer. Patricia Purtschert, Professorin für interdisziplinäre Geschlechterforschung an der Uni Bern, fasst es in einem Interview mit der Republik wie folgt zusammen: «Ich finde es interessant zu sehen, wer aktuell als Experte an die Öffentlichkeit tritt. Es sind häufig weisse Männer, die wissen, was wir brauchen und was wir tun sollen. In den Köpfen vieler Menschen gibt es diese Koppelung von Expertise und Männlichkeit auf der einen Seite und die starke Verbindung von Weiblichkeit und Fürsorgearbeit auf der anderen Seite.» Dabei war es eine Frau, die 1964 das Coronavirus erstmals entdeckte: June Almeida. Die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse wurde allerdings damals von den Gutachtern abgelehnt, wie die Solothurner Zeitung berichtet.

Der Zusammenhang: Ein Teufelskreis

Auch wenn diese drei Punkte auf den ersten Blick unabhängig voneinander scheinen, bedingen sie sich doch gegenseitig: ‘Frauenberufe’ werden schlechter bezahlt. In der Folge ist es für Familien sinnvoller, wenn die Frau die Kinderbetreuung und den Haushalt übernimmt, weil der Mann ja mehr verdient. Die Frau, vom Einkommen des Mannes abhängig, traut sich oft nicht, sich gegen häusliche Gewalt zu wehren, denn alleine wäre sie armutsgefährdet. Und sie kann mit einem Teilzeitpensum kaum Karriere machen, während die Männer die Expertise ansammeln und den Medien Auskunft geben.

Es gibt noch viel zu tun

Nächstes Jahr feiern wir 50 Jahre Stimm- und Wahlrecht für Frauen. Aber bis die Gleichstellung erreicht ist, gibt es noch viel zu tun. Nicht ohne Grund ging das Ziel Nr. 5 «Geschlechtergleichstellung» in die UNO-Agenda 2030 ein. An einer SAGW-Abendveranstaltung forderte die Geschlechterforscherin Andrea Maihofer denn auch eine offizielle Entschuldigung der Schweiz an die Frauen, denn «die mehrfache Verweigerung des Stimmrechts für Frauen war ein kollektives Unrecht.» Auch bei den Jubiläumsfeierlichkeiten gilt also: Applaus ist schön, Taten sind besser.

Blogempfehlung: "The corona crisis from a gender perspective: Opening up a debate"

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