Übersicht
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Newsletter

Fokus: Innovation neu gedacht

Vielleicht sollte man sich an Winston Churchill halten, der sagte: «Never let a good crisis go to waste.» Was das in der gegenwärtigen Situation bedeuten könnte, ist noch unklar. Es gibt in diesen Tagen zwar viel zu sehen, aber für Geistes- und Sozialwissenschaftler noch wenig zu sagen, was über die unmittelbar eigene Erfahrung hinausgeht. Die primären Effekte der Krise für Gesundheitssystem, Wirtschaft und Gesellschaft sind noch kaum zu überblicken, die möglichen sekundären Effekte auf Institutionen, Zusammenleben oder sozioökonomischen Auf- und Abstieg noch viel weniger.

Abzuzeichnen scheint sich bereits, dass die Pandemie der digitalen Kommunikation einen nachhaltigen Schub verleihen und auch den «Innovationsstandort Schweiz» – in welcher Form auch immer – verändern wird. Auf eine kurzfristig angesetzte Sonderausschreibung zum Coronavirus gingen beim Schweizerischen Nationalfonds im März innert 20 Tagen 270 Gesuche ein; die meisten davon aus der Biomedizin, 75 aus den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Neue Studie legt Grundlage

Mit fast zwei Dritteln der an den Hochschulen erfassten Personen kommen den Geistes- und Sozialwissenschaften im schweizerischen Bildungs-, Forschungs- und Innovationssystem eine bedeutende Stellung zu. Ihr Beitrag zu Innovation wird jedoch oft nicht erkannt. Bis anhin gab es auch kaum substanzielle Studien, die sich mit dem Verhältnis der Geistes- und Sozialwissenschaften und der Innovation befassten.

Die Ende Februar auf Französisch publizierte Studie «Der Beitrag der Geistes- und Sozialwissenschaften zur Innovation in der Schweiz» (deutsche Kurzzusammenfassung hier), verfasst von einem Autorenteam der Universität Neuenburg, schafft nun eine Grundlage für die weitere Beschäftigung mit der Frage nach dem Verhältnis von Innovation und geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung. Zusammen mit einem zweiten, rein empirisch orientierten Bericht, bildet sie eine von sieben Teilstudien, die das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) Ende Februar 2020 im Kontext des Berichts «Forschung und Innovation in der Schweiz 2020», publizierte.

Neue Technologien müssen «sinnhaft» sein

Der Bericht stellt die Wichtigkeit ständiger industrieller und technologischer Erneuerung nicht in Abrede, hält aber auch fest, dass neue Technologien in der Gesellschaft nur dann akzeptiert und umgesetzt werden, wenn sie als «sinnhaft» anerkannt seien. Und bei dieser gesellschaftlichen Etablierung komme den Geistes- und Sozialwissenschaften «eine wichtige oder gar entscheidende Rolle zu». Über diesen und weitere Befunde der Studie gelte es weiter zu diskutieren, schreibt Dominique Vinck, Wissenschaftssoziologe an der Universität Lausanne, in einem kritischen Kommentar – und zwar innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch in den Mint-Fächern, in der Verwaltung und in Unternehmen.

Eine Tagung, welche die SAGW zusammen mit der Universität Neuenburg organisiert, unternimmt diesen Schritt zur vertieften Diskussion. Die Debatte wird sich darauf konzentrieren, wo und wie die Geistes- und Sozialwissenschaften nicht nur Enabling Sciences, sondern auch Schöpferinnen von Innovationen sein können. Das Programm deckt die verschiedenen Perspektiven auf das Thema ab: Die Referentinnen und Referenten sind in der Forschung und der Praxis, in der öffentlichen und der privaten Innovationsförderung tätig. Die Tagung soll am 19. Mai am Nachmittag an der Universität Neuenburg stattfinden. Ob, wann und in welcher Form sie durchgeführt wird, hängt von allfällig verlängerten Restriktionen des Bundes in Zusammenhang mit Covid-19 ab und ist derzeit noch offen.