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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

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Fokus: Die Macht des Patienten

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Die Patientinnen und Patienten sind im Zentrum der Medizin. Zweifellos. Häufig allerdings liegend und in einer ohnmächtigen Position. Ausserdem wird der männliche Patient, der männliche Körper, von der Medizin stärker berücksichtigt als die weibliche Patientin, der weibliche Körper, wie die Pionierin der Gendermedizin Vera Regitz-Zagrosek kürzlich im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung betonte.

Seit Jahrzehnten wird die Rolle der Patienten in der Medizin wiederentdeckt: im Gesundheitssystem selbst, in der Forschung, in der Selbsthilfeliteratur und der Populärkultur, sagte Medizinhistoriker Flurin Condrau an der Tagung «Die Macht des Patienten», welche die SAGW am 24. Oktober zusammen mit der Akademie der Medizinischen Wissenschaften organisierte (Präsentationen und Impressionen zur Tagung hier).

Die wenig mächtige vierte Macht im Gesundheitswesen

Die Tagung diskutierte Fragen wie: Sind die Patientinnen und Patienten im Gesundheitssystem genügend repräsentiert? Haben sie gar Macht? Wie steht es um ihre Gesundheitskompetenz? Und wo ist der Platz des Leidens in unserer Gesellschaft? Nimmt man die juristischen Grundlagen zum Massstab, ist das paternalistische ärztliche Selbstverständnis gegenüber den Patientinnen und Patienten längst einer gleichberechtigten Beziehung auf Augenhöhe gewichen, sagte die Juristin Franziska Sprecher an der Tagung. Doch entspricht dies auch der Realität?

Patientinnen und Patienten müssen kompetent sein, um Entscheide treffen zu können, die gut seien für ihre Gesundheit, sagte Ilona Kickbusch von der Careum Stiftung. Diese Gesundheitskompetenz sei in der Schweiz trotz hohem Bildungsstand aber tiefer als man erwarten könnte. Auch nehmen der Patient, die Patientin – neben der öffentlichen Hand, den Leistungserbringern und den Versicherern eigentlich die vierte Macht im schweizerischen Gesundheitssystem – zu wenig Einfluss, sagte Susanne Hochuli, Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation SPO. Und in einem kürzlich im SAGW-Bulletin publizierten Interview: «Die verschiedenen Organisationen müssen vom Konkurrenzdenken wegkommen und mehr zusammenarbeiten.»

Funktionales Gesundheitsverständnis

Die Tagung «Die Macht des Patienten» ist Teil der Medical-Humanities-Reihe «Macht und Medizin» der Akademien der Wissenschaften Schweiz. Die Medical Humanities fördern einen grösseren Paradigmenwechsel in der Gesundheitsforschung, der sich an einem neuen, umfassenden und funktionalen Verständnis von Gesundheit orientiert. Es besagt, dass ein Mensch gesund ist, wenn er die Tätigkeiten, die sinnvoll und wichtig für ihn sind, ausüben kann. In einer rollstuhlgängigen Umgebung beispielsweise sind Gehbehinderungen besser zu ertragen als anderswo.

Viele neuere Publikationen und Initiativen gehen in diese Richtung. Zwei Beispiele: Das «Swiss Network for Well-Being and Aging», 2018 gegründet und Partner der «a+ Swiss Platform Ageing Society» der Akademien der Wissenschaften Schweiz, befasst sich mit der Frage, wie der Begriff des «Wohlbefindens» zu einer neben der biologischen Gesundheit neuen (und objektiv bemessbaren) Zielgrösse der Gesundheitsversorgung werden kann. Das soeben erschienene Buch «Die verlorene Hälfte der Medizin», geschrieben vom Mediziner Johannes Bircher, stellt mit dem «Meikirch-Modell» eine alternative Gesundheitsdefinition vor, die ebenfalls das Individuum in seiner Interaktion mit Gesellschaft und Umwelt ins Zentrum stellt.