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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

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Fokus: Tertiarisierungsdruck

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Die Maturaprüfungen finden dieses Jahr in vielen Kantonen nicht statt. Maturandinnen und Maturanden zum Beispiel in Luzern und Thurgau sitzen über den Büchern, jene in Bern und Zürich hingegen können sich diesen Aufwand sparen. Bildungspolitische Unterschiede zwischen den Kantonen sind indes keine Besonderheit der Coronazeit – auch deren Auswirkungen auf die tertiären Bildungschancen nicht, wie der SAGW-Bericht «Tertiarisierungsdruck – Herausforderungen für das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt und das einzelne Individuum» von Irene Kriesi und Regula Julia Leemann darlegt.  

Langfristige Konsequenzen einer Rezession

In der Romandie und in den Stadtkantonen absolvieren deutlich mehr junge Erwachsene allgemeinbildende Schulen wie das Gymnasium als in der Deutschschweiz und in den ländlichen Kantonen. Für die höhere Berufsbildung hingegen finden sich fast nur in der deutschsprachigen Schweiz Angebote. In der jetzigen Situation könnten die Jugendlichen aus den lateinischsprachigen Kantone damit im Vorteil sein, denn die Coronakrise trifft gemäss Bildungsforscher Stefan Wolter vor allem jene, die sich für den berufsbildenden Weg entschieden haben.

Anfang Mai lancierte der Bund die «Task Force Perspektive Berufslehre 2020», um «Kantonen, Lehrbetrieben und Jugendlichen eine bestmögliche Unterstützung im Hinblick auf die Besetzung der Lehrstellen 2020 zu garantieren und die Akteure vor Ort zu stärken». Aber auch für die Lehrabgänger wird es nicht einfach, in der nun aufkommenden Rezession eine Stelle zu finden. In einem Interview im Bund vom 8. Mai befürchtet Stefan Wolter langfristige Konsequenzen: «Untersuchungen zeigen leider, dass jene, die in einer Rezession in den Arbeitsmarkt eintreten, bis zu zehn Jahren Nachteile in Form tieferer Löhne oder Arbeitslosigkeit mit sich schleppen.»

Die SAGW wird das Thema weiterverfolgen, unter anderem mit einer Social-Media-Kampagne unter dem Hashtag: #tertiarisierungsdruck

Bildungsniveau der Eltern macht den Unterschied

Die Coronakrise verdeutlicht nicht nur die Unterschiede zwischen den kantonalen Bildungsangeboten und der allgemein- und berufsbildenden Ausbildungswegen. Sie verstärkt auch die Mechanismen der sozialen Selektion. Wie der Bericht von Irene Kriesi und Regula Julia Leemann darlegt, steht die soziale Herkunft in engem Zusammenhang mit dem höchsten erreichten Bildungsniveau. Der elterlichen Bildung kommt dabei die grössere Bedeutung zu als dem Einkommen oder dem Berufsstatus.

In den Wochen im Fernunterricht manifestierte sich dieser Effekt umso stärker. Bildungsferne Eltern konnten ihr Kind in dieser Phase weniger gut unterstützen, während Kinder in bildungsnahen Familien eher von einer umfassende Lernbetreuung profitierten. Die «neu entstandene Defizite wird man nicht im regulären Unterricht auffangen können», sagt Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz in einem Interview mit dem Elternmagazin «Fritz und Fränzi».

Die beiden Autorinnen Irene Kriesi und Regula Julia Leemann schliessen den Bericht «Tertiarisierungsdruck» mit einer Forderung: «Um die Chancengleichheit beim Zugang zu den anforderungsreichen Ausbildungswegen zu verbessern, müssen sich die Entscheidungen der Schulen, Eltern und Jugendlichen stärker an der Leistungsfähigkeit der Schüler/innen und Lernenden und nicht an den familiären Bildungs- und ökonomischen Ressourcen orientieren.»