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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

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Fokus: Third Space: neue Karriereprofile im Wissenschaftssystem

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In den Kulturwissenschaften erfreuen sich die Zwischenräume seit zwei, drei Jahrzehnten grosser Beliebtheit. Sie finden ihre Verkörperung in «Figuren des Dritten», die sich zwischen verschiedenen Welten bewegen und schlagen sich in neuen Sensibilitäten für Grenzziehung und Differenz nieder. Das Reden über hybride Zwischenräume fand in den letzten Jahren auch Einzug in die Debatte über den Strukturwandel der Hochschulen, der seit den 1990er-Jahren voranschreitet. Die englische Bildungsforscherin Celia Whitchurch, eine der prägenden Stimmen in der Diskussion, brachte 2008 – in Anlehnung an den indischen Theoretiker des Postkolonialismus Homi Bhabha – das Konzept des «Third Space» in die Debatte ein. Dieser «dritte Raum» soll dem wissenschaftlich qualifizierten Personal, das irgendwo zwischen Wissenschaft und Verwaltung forschungs- oder lehrnahe Aufgaben wahrnimmt, stärkere Konturen und höhere Sichtbarkeit verleihen: der Qualitätsmanagerin, der Projektkoordinatorin, dem Labmanager.

Der Third Space existiert

Die neue Studie «Next Generation und Third Space: neue Karriereprofile im Wissenschaftssystem», die im Auftrag der SAGW erstellt wurde, macht den an Schweizer Universitäten und Hochschulen als eigenständige Kategorie noch wenig etablierten Third Space qualitativ und quantitativ fassbar. Er gründet auf qualitativer Ebene auf der Sicht von Professorinnen und Professoren aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, welche die gegenwärtige Praxis und den künftigen Bedarf an Third-Space-Profilen einschätzen; auf quantitativer Ebene handelt es sich um einen Versuch, den Umfang der bestehenden Third-Space-Profilen im Wissenschaftssystem abzuschätzen.

Die Autorinnen der Studie kommen mitunter zum Schluss: Der Third Space existiert realiter (rund jede siebte Vollzeitstelle in den Geistes- und Sozialwissenschaften an einer Schweizer Universität ist eine Third-Space-Stelle). Er wird aber nicht als gleichwertige akademische Karriereweg angesehen, sondern eher mit einer verpassten akademischen Karriere assoziiert. Und: Der Third Space ist primär weiblich.

Die Studie «Next Generation und Third Space» erscheint Ende August. Ein Management Summary sowie auf der Studie basierende Empfehlungen der SAGW-Arbeitsgruppe «Wissenschaftskultur der Geisteswissenschaften» sind als Preprints bereits online.

Ein Rückzugsgebiet für Akademikerinnen?

Akademische Karrierewege und die Arbeitsbedingungen des Mittelbaus an Universitäten und Hochschulen werden öffentlich kontrovers diskutiert: Weshalb sind Professorinnen immer noch die Ausnahme, obschon die Mehrzahl der Studentinnen und Studenten weiblich ist (vgl. zum Beispiel diesen Beitrag im Beobachter)? Was tun die Universitäten, um die Situation des zumeist in befristeten Verträgen angestellten Mittelbaus zu verbessern, zumal in krisenhaften Zeiten? An der Universität Lausanne forderten Angehörige des Mittelbaus Ende Mai in der Petition «Corps intermédiaire en colère» eine zweimonatige Verlängerung aller befristeten Verträge, um die wegen des Corona-Virus verlorene Zeit zu kompensieren.

Können neue, unbefristete Positionen und Profile im Third Space dem wissenschaftlichen Nachwuchs neue Perspektiven bieten? «Die Hochschulen sollten als moderne Arbeitgeberinnen eine bewusstere und systematischere Karriereplanung mit dieser Stossrichtung ab dem Doktorat etablieren. Dabei ist der Third Space als ein möglicher Weg in die Überlegungen miteinzuschliessen, und nicht länger als Ausweg zu denken», heisst es in den Empfehlungen zur Studie «Next Generation und Third Space». Die Autorinnen der Studie geben aber zu bedenken: «Es droht die Gefahr, dass dieser ‘dritte Weg’ zum Rückzugsgebiet für Frauen wird, weil das traditionell männlich geprägte wissenschaftliche Selbstverständnis der bedingungslosen Hingabe an die Arbeit nicht mit der Familienplanung zu vereinbaren ist.»