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Chancengleichheit und die Schweizer Nachhaltigkeitsstrategie

Heinz Nauer

Zeig' mir dein Elternhaus und ich sage dir, ob du studieren wirst.

(Beitrag aktualisiert am 20. April 2021)

In seiner «Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030» (Vernehmlassungsvorlage) nennt der Bundesrat die Chancengleichheit als eines von drei Schwerpunktthemen. Dazu gehöre, «diskriminierende Barrieren, die sich aus der sozioökonomischen oder geographischen Situation oder aus Aspekten der sozialen, kulturellen und persönlichen Identität ergeben, zu beseitigen».

Die Akademien der Wissenschaften Schweiz begrüssen in ihrer Stellungnahme zur Strategie die Wahl dieses Schwerpunktthemas und seine Stossrichtung. Sie betonen aber auch, dass sich Bildung in einer Wissensgesellschaft wie der Schweiz stark auf die übrigen Sozialziele der Agenda 2030 («Armut beenden», «Gleichstellung der Geschlechter» oder «Ungleichheit verringern») auswirke. Hier habe das hiesige Bildungssystem Aufholbedarf, attestierte Markus Zürcher Ende Februar in einem Beitrag im SAGW-Blog: Es selektioniere stark und trage nicht zur Chancengleichheit bei.

Aktuelle Beispiele aus der Forschung zu sozialer Mobilität

Das Thema ist nicht neu. Die Diskussion über soziale Mobilität und Chancengleichheit im Bildungssystem läuft seit Jahrzehnten – und wird gerade heute intensiv fortgeführt. Vier Beispiele aus der aktuellen Forschung zeichnen ein vielstimmiges und durchaus kontrastreiches Bild:

  • Daniel Oesch (Lausanne) und Benita Combet (München) untersuchen in ihrer Kohorten-Studie «The social-origin gap in university graduation by gender and immigrant status» (November 2020) die Bildungswege von Jugendlichen, die im Jahr 2000 an der ersten Pisa-Studie teilgenommen hatten. Ihre Resultate zeigen unter anderem: Von den Jugendlichen, die mit 16 Jahren dieselben Schulnoten hatten, im Pisa-Test gleich abschnitten und im selben Sekundarschul-Typus lernten, verfügten jene aus der obersten sozialen Schicht zehn Jahre später doppelt so häufig über einen Uni-Abschluss wie jene aus der untersten sozialen Schicht. In einem Artikel in der Neuen Zücher Zeitung (Paywall) beschreibt Daniel Oesch vier Reformen, mit denen diese Chancenungleichheit verringert werden könnten: 1. Vorschulische Bildung und Betreuung fördern; 2. Kinder erst später in Schultypen aufteilen; 3. Berufsmatura stärken; 4. Kantonale Quoten bei der gymnasialen Maturität anheben.

zur Studie von Oesch / Combet: «The social-origin gap in university graduation by gender and immigrant status»

  • Christoph A. Schaltegger und Melanie Häner (beide Luzern) weisen in ihrem Working Paper «The Name Says It All. Multigenerational Social Mobility in Switzerland, 1550-2019» (Februar 2021) darauf hin, dass kurzfristige Betrachtungen des gesellschaftlichen Erfolgs von einer Generation zur nächsten für die Beurteilung der sozialen Mobilität trügerisch sei. Viele Studien zur sozialen Mobilität und zur sozialen Selektion im Bildungswesen würden das Phänomen zu statisch betrachten. Der Einfluss der Grosseltern auf den Erfolg der gegenwärtigen Generation beispielsweise verwässere sich bereits um die Hälfte und für die Urgrosseltern bestehe gar keine statistisch zuverlässige Abhängigkeit mehr. Die Autoren grenzen sich mit diesem historischen Zugang bewusst auch von Studien und Berichten zur sozialen Selektivität ab wie jenem des Schweizerischen Wissenschaftsrats von 2018.

zum Working Paper von Schaltegger / Häner: «The Name Says It All»

  • Der bekannte US-amerikanische Philosoph Michael Sandel befasst sich in seinem neusten Werk «Vom Ende des Gemeinwohls» (September 2020; im englischen Original: «The Tyranny of Merit») mit der Meritokratie, die er als die Grundlage unseres heutigen Wertesystems versteht. Sandel sieht in der Meritokratie, die auf Leistung, Bildung, Qualifikation setzt, eine eigentliche Selektionsmaschine. Daniel Binswanger fasste es in einem rezensierenden Essay im Online-Magazin Republik so zusammen: Es geht darum, den Zugang zu Schulen, Studien­plätzen, Ausbildungs­stellen für alle Minderheiten zu gewährleisten. Das ist absolut richtig und legitim. Aber jede Verbesserung der Selektion affirmiert das Prinzip der Meritokratie.

    Sie mache Bildung als soziales Selektions­kriterium noch legitimer – und die Meritokratie letztlich noch meritokratischer.

zum Buch von Sandel: «Vom Ende des Gemeinwohls» (Vorschau)

  • Oliver Dlabac, Adina Amrhein und Fabienne Hug vom Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) interessieren sich für den Einfluss der Schulzusammensetzung und der räumlichen Segregation auf Bildungserfolg. Ihre Studie «Durchmischung in städtischen Schulen – eine politische Aufgabe?» (März 2021) bestätigt frühere Forschungsergebnisse, wonach die soziale und ethnische Durchmischung von Schulen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler messbar beeinflusst (unabhängig von deren individuellem Hintergrund). Ab einem Anteil von rund 30 bis 40 Prozent Kindern aus sozial schwachen und fremdsprachigen Familien an einer Schule sei ein signifikanter Leistungsabfall zu beobachten. Dieser Kompositionseffekt betreffe auch die typischen Bildungswege der Schülerinnen und Schüler, indem er den Einfluss der individuellen Hintergründe verstärke. In Zusammenhang mit der räumlichen Segretation durch zunehmend homogenere Wohnquartiere schlagen die StudienautorInnen deshalb einen Algorithmus vor, der die Einzugsgebiete von Schulen verändern und so die Durchmischung stärken könnte. Dies unter Beibehaltung von kurzen und sicheren Schulwegen sowie des Prinzipes der «Quartierschule».

zur Studie von Dlabac, Amrhein und Hug «Durchmischung in städtischen Schulen – eine politische Aufgabe?»

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