Tagung 2008

Jahrestagung 2008 der Schweizerischen Gesellschaft für Semiotik

"ÄSTHETIK DES ANTHROPOMORPHEN"

Freitag/Samstag, 19. April 2008, Universität Zürich


Einleitung 

Der Studientag der Schweizerischen Gesellschaft für Semiotik widmete sich am 19. April mit vier Vorträgen (und anschliessenden Diskussionen) dem Thema der Ästhetik des Anthromorphen. 

Prozesse der Anthropomorphisierung oder Vermenschlichung und, im Gegensatz dazu, jene der Entmenschlichung oder Verdinglichung durchdringen die kulturellen Praktiken, die Künste und ihre Theorien seit der Antike. Sie bedingen immer auch Dynamiken der Verwandlung, die sowohl die Ordnung zwischen Mensch und Ding (Pflanzen, Stoffen, Maschinen) als auch die zwischen Mensch und Tier verändern. Sie sind Gegenstand von Projektionen, Ängsten und Wünschen, die sich an der wahrnehmbaren Oberfläche bildhaft veräusserlichen und die Grenzen des Menschlichen ins Wanken bringen. 

Vielfältig und historisch wandelbar, stellen die Prozesse der Anthropomorphisierung Spielwiesen der Imagination dar und dienen gleichzeitig als Erkenntnisinstrument, wie dies in der griechischen Mythologie eindrücklich vorgeführt wird: Apoll verfolgt die geliebte Nymphe Daphne, worauf diese auf ihr Flehen hin von ihrem Vater in einen Lorbeerbaum verwandelt wird; Ovids Pygmalion verliebt sich in das nach seinem Ideal geschaffene Standbild einer Jungfrau und macht diese, nachdem Aphrodite die Gestalt zum Leben erweckt hat, zu seiner Gemahlin, usw. 

Anthropomorphismus und Anthropozentrismus sind dabei nur Varianten eines selben Anliegens, jenes der Orientierung des menschlichen Denkens in der räumlich-körperlichen Welt. Davon zeugt auch das Gleichnis von Metrodorus, auf dem die antike Redekunst aufbaut: Das Gedächtnis als Haus, dessen Räume der Redner zunächst mit dem Inhalt seiner Rede ausstattet (in Form von Bildern, Gegenständen oder Worten), um sie später wieder in Gedanken abzuschreiten. Diese Kunst des Memorierens funktioniert nur in Bezug auf die imaginierte Position und Bewegung des Redners; ist er mit dieser Technik erfolgreich, so spiegelt sich in der gelungenen Rede jedoch auch seine Persönlichkeit. Eine gedanklich-konstruktive Beziehung zwischen dem Vor- oder Dargestellten und Gemeinten, zwischen Körper und Raum begründet auch die Allegorie, die als rhetorische Figur unterschiedlichste Funktionen einnehmen kann, wobei das Gemeinte meist im politischen Dienst steht und oft personifiziert wird. 

Die Prozesse der Vermenschlichung und Entmenschlichung (oder Verdinglichung) ziehen sich durch unsere ganze (westliche) Kulturgeschichte und erfinden sich bis ins heutige technologische Zeitalter immer wieder neu. Bilder werden zu Worten und umgekehrt, diese verwandeln sich in Räume und Materien, woraus wiederum Welten einer anderen Dimension entstehen. Unabhängig vom Medium, in dem sie in Erscheinung treten, bleiben sie jedoch immer an das Körperliche gebunden und lassen weder die Beziehung des Menschen zu sich selbst noch die ‚Ordnung’ der Geschlechter unangetastet. 

Abstracts

Christiane Kruse, Universität Marburg
‚C‘est moi que je peins’ – Selbstbildnisse und Malprozesse
Im frühneuzeitlichen Selbstporträt wird vielfach auch das Malen und Verfertigen des Bildes dargestellt. Das Malen des Selbstporträts
scheint einen komplexeren Vorgang zu beinhalten als nur den Bildtransfer zwischen Spiegel und Leinwand (oder einem anderen Bildträger). Oft wird der Malakt als noch unabgeschlossener
Prozess dargestellt. Immer wird jedoch deutlich, dass die Aufgabe des Selbstporträts problematisch ist, die Frage, wie man sich darstellt, keine vorgefertigte Lösung bereithält. Das Selbstporträt zu vollenden, birgt aus verschiedenen Gründen die Gefahr des Scheiterns.

Michael Gnehm, ETH Zürich
Architektonische Körper: Leben und Sterben in Kriminalgeschichten
Semiotik und Kriminalgeschichten weisen einen Zusammenhang auf, der sich im Verhältnis der Personen einer Geschichte zu deren räumlichem, architektonischem Umfeld spiegelt. In der Folge einer Tat gilt es, das Motiv oder die Täterschaft, vorgängig allerdings die zugehörigen Tatsachen zu eruieren. Zur Lösung eines Falls führen Spuren am Tatort, der so zum Psychogramm der Täterschaft werden kann. In den architektonischen Raum schreiben sich die Körper von Dingen und Personen ein, eine Einschreibung, die als anthropomorphisierter Architekturkörper
gelesen werden kann. Ein Ding hinterlässt als entwendetes am Tatort seine Spur in einer räumlichen Verdinglichung, der getötete Mensch oder der Täter im anthropomorphisierten Raum. Architektur wird in Kriminalgeschichten so transportiert, wie Leben und Sterben sich in ihr abspielen.

Christine Abbt, Universität Zürich
Angstwandeln – Verkörperungen des Grauens
Der überschauende Blick, dem wir in Ovids Metamorphosendichtung
und auch in Hobbes Leviathan begegnen, eignet dem Menschen in der unbegreiflich gewordenen Welt nicht mehr. Er findet keine Position, von der aus die Verwandlung intellektuell in den Griff gebracht werden könnte. Die Erfahrung der Metamorphose
gerät so zum Schock. „Wer bin ich?“ Die unmittelbare Konfrontation mit dem ungeheuren Anderen terrorisiert das Selbstverständnis des Menschen. Gleichzeitig ist die Unmöglichkeit
eines absoluten Beobachterstatus von politischen Ansätzen zur Bedingung für eine menschliche Politik erhoben worden. Der Vortrag diskutiert an verschiedenen Metamorphosen Verschiebungen
im Verhältnis von Angst, Verwandlung und Politik.

Margrit Tröhler, Universität Zürich
Die Dezentrierung des Menschlichen in der Filmtheorie und -praxis der 1920er Jahre
Für die französische und deutsche Filmtheorie der 1920er Jahre führt das Kino zu einer Veränderung nicht nur der Sinneswahrnehmung,
sondern auch des Denkens. „Photogénie“ und „Physiognomie“
sind nur zwei der Konzepte, die das Spezifische des Mediums zu erfassen suchen: Durch die sinnlich-mechanische Realität des bewegten Lichtbildes und seine Metamorphose der Objekte entsteht eine neue Ordnung der Dinge, die den Menschen zu einem Requisit macht und ihn in seine Umgebung einbettet. Diese Dezentrierung des Menschlichen und die daraus resultierende,
ansteckende Kraft von Analogien affiziert die Zuschauer/innen emotional und intellektuell. So skizziert die mediale Präsenz
der gegenständlichen Welt die Vorstellung einer modernen Subjektivität und begründet das Kino als Schauwert und als sinnliches Erkenntnisinstrument.

Programm

9.30  Begrüssung

10.00  Christiane Kruse, Universität Marburg
‚C‘est moi que je peins’ – Selbstbildnisse und Malprozesse

11.30  Michael Gnehm, ETH Zürich
Architektonische Körper: Leben und Sterben in Kriminalgeschichten

14.00  Christine Abbt, Universität Zürich
Angstwandeln – Verkörperungen des Grauens

15.00  Margrit Tröhler, Universität Zürich
Die Dezentrierung des Menschlichen in der Filmtheorie und -praxis der 1920er Jahre

16.30  Generalversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Semiotik

Universität Zürich
Romanisches Seminar, Seminarraum D-31
Zürichbergstrasse 8, 8032 Zürich
Tram 5/9 bis Haltestelle Kantonsschule

Organisation: Doris Agotai, Rita Catrina Imboden, Christina Ljungberg, Marie Theres Stauffer, Margrit Tröhler