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Herausforderungen bei der Partizipation von Seniorinnen und Senioren

Stella Noack

Am 9. Mai 2023 fanden in Bern Mitglieder der «a+ Swiss Platform Ageing Society» zusammen. Ihr Austausch verdeutlicht gesellschaftliche und institutionelle Herausforderungen bei Partizipationsprozessen.

Neun Herausforderungen aus Forschung und Praxis

Für die Repräsentantinnen und Repräsentanten von Praxisorganisation, (Seniorinnen)-Netzwerken oder Forschungsgruppen ist unumstritten: Partizipation ist sehr wichtig. Sie erlaubt ihnen die Herausforderungen ihres Zielpublikums besser zu verstehen und glaubwürdig darauf zu reagieren; sie legitimiert Handlungen, Projektideen und Forschung. Für Seniorinnen und Senioren wirkt sich Partizipation positiv auf die Lebensqualität aus. Für Alle trägt sie zu einer inklusiveren Gesellschaft und einer Demokratisierung von Entscheidungen bei. Trotzdem oder gerade deshalb begleiten zahlreiche Herausforderungen die Partizipationsprozesse.

Gesellschaftliche Ungleichheiten

Gesellschaftliche Ungleichheiten manifestieren sich auch in Partizipationsprozessen. Dagegen anzusteuern ist wichtig, macht Partizipation aber auch zu einer komplexeren Aufgabe.

Erstens: Je diverser das Zielpublikum einer Organisation ist, desto wichtiger werden Fragen der Repräsentation. Im Fall des «Nationalen Forums Alter und Migration», das die ältere Migrationsbevölkerung in der Schweiz unterstützt, ist es fast unmöglich die ganze Diversität der Gruppe Menschen abzubilden, die das Forum vertreten will. Daneben wird umfassende Repräsentation auch durch Sprachbarrieren oder die Angst sich zu äussern verhindert.

Zweitens: Gesellschaftliche Machtverhältnisse sind bei Partizipationsbestrebungen stets präsent. Sie bestimmen, wer partizipiert und wer nicht. Partizipation kann nur im Zusammenspiel mit Strategien gelingen, die Menschen zur Partizipation befähigen.

Drittens: Die Wünsche der «Silent Majority» abzubilden gelingt oft nicht. So beschränkt sich Partizipation auf ein enges Seniorinnen- und Seniorensegment, das weiss, wie es seiner Stimme gehört verschaffen kann und finanziell abgesichert ist. Besonders vulnerablen Gruppen in der älteren Bevölkerung wie beispielweise Frauen mit kleinen Renten käme Teilhabe aber besonders zugute.

Hürden in der Umsetzung

Bei der Implementierung von Partizipationsprozessen zeigen sich zahlreiche operative Hürden.

Viertens: Partizipation bindet zeitliche und personelle Ressourcen, die in Netzwerken und Praxisorganisationen bereits knapp sind. So findet Partizipation selten umfassend und öfter punktuell statt.

Fünftens: Im Vorfeld eines Konsultationsverfahrens sollte genau bedacht werden zu welchem Zeitpunkt, in welchem Umfang und auf welcher organisationalen Ebene die Mitsprache stattfinden kann und soll. Ansonsten ergibt sich der Eindruck einer Scheinpartizipation.

Sechstens und verbunden mit dem fünften Punkt: Der Umgang mit Feedback muss nach dem Prinzip «Teilhabe ist Teilgabe» gestaltet werden. Das geleistete Feedback muss Wirkung zeigen können, das heisst implementiert werden, ansonsten ergibt sich der Eindruck einer Instrumentarisierung zur Konstruktion von Legitimation.

Siebtens: Partizipation darf nicht mit einer Etikettierung einhergehen. Wenn ein Senior oder eine Seniorin sich in einer Organisation engagiert, dann vertritt diese eine Person nicht die Gruppe der Seniorinnen und Senioren. Diese Gruppe ist heterogen und kann nicht durch eine Person repräsentiert werden.

Achtens: Partizipation muss von einer Haltung der «Ergebnisoffenheit» begleitet werden. Die Beteiligten müssen sich darauf einlassen, dass sie nicht genau wissen, in welche Richtung der Prozess geht. Diese Offenheit und Ambiguitätstoleranz ist eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Teilgabe.

Neuntens: Partizipative Forschungsprojekte werden von vielen Geldgebern erwünscht. Aber die Fördergefässe und Fördervoraussetzungen passen oftmals wenig zu den Bedürfnissen von partizipativen Projekten. Beispielsweise ist oft nicht möglich vor Forschungsbeginn ein klares Forschungsdesign darzustellen. Ohne dieses können aber meistens keine Gelder beantragt werden.

 

Über die «a+ Swiss Platform Ageing Society»

Unter Einbezug aller relevanten Akteure betreibt die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) im Auftrag der Akademien der Wissenschaften Schweiz die offene, sektorenübergreifende a+ Swiss Platform Ageing Society mit dem Ziel, substanziell und konkret zur praktischen Umsetzung der Global Strategy and Action Plan on Ageing and Health der WHO in der Schweiz beizutragen. Eine wichtige Aufgabe der Plattform ist die Vernetzung von Stakeholdern, die Förderung des inter- und transdisziplinären Austauschs und die Bündelung von Informationen. Zweimal jährlich lädt das Generalsekretariat der SAGW die Partner daher zu einer Plenarversammlung ein.