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Rinnsale der Grosszügigkeit: Wie der gelebte Islam mit Armut umgeht

Vor Gott sind alle Menschen gleich – und doch leben wir in ungleichen Gesellschaften. Der gelebte Islam kennt vielschichtige Umgangsformen, um mit diesem Paradox umzugehen: Ein Augenschein aus einer ethnografischen Feldforschung in der palästinensischen Stadt Nablus.

Von Emanuel Schäublin

Die Terrasse des alten Kaffeehauses von Nablus ist gefüllt mit Männern, die sich vom Fasten während des Tages erholen. Sie spielen Karten, trinken Tamarindensaft oder Tee und geniessen die Luft, die sich in der Ramadan-Nacht über Palästina allmählich abkühlt. Ich sitze mit Abu Walid, einem Bekannten um die Dreissig, über einer Partie Backgammon, als zwischen den Tischen ein alter Mann in abgetragenen Kleidern auftaucht. Er streckt ein Tablett mit Schokoladestückchen und Münzen über unseren Tisch. «Vielen Dank, wir brauchen nichts. Möge Gott Dir auf die Füsse helfen!», sagt Abu Walid zu ihm und blickt ihm in die Augen. Doch der alte Mann streckt unbeirrt das Tablett zwischen unseren Köpfen hindurch. Plötzlich wirft ein junger Mann am anderen Ende des Tisches eine Fünf-Schekel-Münze auf das Tablett und raunt: «Nimm das und lass uns in Ruhe!» Es wird still. Dann erwidert der alte Mann mit lauter Stimme ayb! (etwa: «schäme Dich!») und wirft die Münze auf den Tisch. Alle starren sie betreten an, während der Mann sich abwendet und zum nächsten Tisch geht.

Reichtum und Gleichheit als Paradox

Diese Szene spielte sich im Sommer 2014 in der nordpalästinensischen Stadt Nablus ab. Für den Umgang mit Bedürftigen in der mehrheitlich muslimischen Stadt heisst das: Gott um Unterstützung zu bitten, ist eine respektvolle Art, eine Bitte abzulehnen. Eine Münze zu werfen, ohne Schokolade zu nehmen, ist hingegen beschämend – ayb. Im gesprochenen Arabisch markiert dieses Wort Handlungen oder Aussagen, die in sozialen Interaktionen als beschämend oder beleidigend empfunden werden. Der Münzenwurf war beschämend, weil er die Bedürftigkeit des alten Mannes vor allen Anwesenden entlarvte.

In der Szene scheint darüber hinaus ein Paradox auf. Einerseits sind nach muslimischer Auffassung vor Gott alle Menschen gleich und verdienen insofern den gleichen Respekt. Andererseits ist Reichtum ungleich verteilt. Mit diesem Widerspruch muss der gelebte Islam in Nablus wie andernorts einen Umgang finden. Der Koran schreibt Muslimen vor, jedes Jahr einen Teil ihres Besitzes an mittellose Menschen weiterzugeben. Diese Pflicht heisst Zakat und führt dazu, dass die Verantwortung für Leute in schwierigen Situationen in der Gemeinschaft gestreut ist. Ohne diese Veräusserung von Besitz werden Gebete wirkungslos. Wo jemand hungrig zu Bett geht, soll Gott allen Nachbarn gute Taten in seiner moralischen Buchhaltung abziehen. Während in den letzten Jahrzehnten transnationale Institutionen entstanden sind, die Zakat weltweit sammeln und verteilen, bleibt in der islamischen Tradition das Geben in unmittelbarer Nähe eine Präferenz.    

Nablus liegt etwa fünfzig Kilometer nördlich von Jerusalem und ist eine von vielen konservativen Städten im Nahen Osten mit sunnitisch-muslimischer Mehrheit, deren alltägliche Umgangsformen sich an islamischen Konzepten orientieren. Zugleich ist der Kontext auch ein besonderer: Seit 1967 befindet sich dieses Gebiet unter israelischer Militärherrschaft, wobei die palästinensische Autonomiebehörde lokale Verwaltungsaufgaben übernimmt und mit der israelischen Armee eine Sicherheitskooperation aufrechterhält. Die zwischen zwei Bergrücken eingebettete Stadt mit ihren 120’000 Einwohnern ist von israelischen Militärbasen und Siedlungen umgeben.

Gelebter Islam und der Nahostkonflikt

Die Märkte der Altstadt sind bekannt für ihre Süssigkeiten. Unter den Gassen liegen berüchtigte unterirdische Gänge, in denen sich palästinensische Kämpfer während der letzten Intifada zwischen 2000 und 2007 versteckten, um israelische Militärpatrouillen anzugreifen. Während der israelischen Militärbelagerung der Stadt gingen viele Industriebetriebe ein. Seither darbt die Wirtschaft. Ohne funktionierenden Sozialstaat sind viele Menschen von Zakatspenden abhängig. In diesem Kontext florierte im gesamten Westjordanland eine Vielzahl von Zakat-Komitees, die Spenden sammelten und an Bedürftige verteilten. Das funktionierte relativ gut, weil es sich herumsprach, wenn eine Institution korrupt war und die Leute dann schlicht ihre Spenden einer anderen Organisation gaben.

Doch auch dieses auf Traditionen bauende Sozialwesen geriet bald ins Visier der Konfliktparteien, als die palästinensische Autonomiebehörde begann, Zakatflüsse in zentralen Komitees unter ihre Kontrolle zu bringen. Dies geschah vor dem Hintergrund des Wahlsieges der islamistischen Hamas von 2006, die dank ihrer karitativen Tätigkeiten auf Kosten der als korrupt geltenden Autonomie­behörde Sympathien gewonnen hatte. Die USA und Israel übten Druck auf die Autonomiebehörde aus; eine Machtübernahme der Hamas sollte verhindert und die Islamisten geschwächt werden. Obwohl sie verschiedene Familien und Parteien repräsentierten, gerieten dabei die Zakat-Komitees unter Generalverdacht und wurden allesamt geschlossen. Zakatgeber im In- und Ausland misstrauten jedoch den neuen Zentralkomitees, weil die Autonomiebehörde ja als korrupt galt. So wurde Zakat immer mehr direkt und in bar unter den Einwohnern der Stadt verteilt. Obschon sich lokale palästinensische Behörden in der Zwischenzeit wieder dem Aufbau eines dezentralen Systems islamischer Sozialwerke widmen, sind diese direkten Gaben weiterhin wichtig. Durch sie wird Bedürftigkeit vor dem Blick der Öffentlichkeit verborgen.

Zeichenlesen und verstecktes Geben

In Nablus liest man subtile Zeichen von Not in der eigenen Umgebung aufmerksam. Eines Tages unterhielt ich mich mit Kamal, einem lokalen Ladenbesitzer, in seinem Lebensmittelladen. Ein kleiner Junge kam in den Laden und fragte: «Wieviel Eier bekomme ich für zwei Schekel?» Kamal gab ihm drei Eier in einer Tüte und nahm die Münzen entgegen. Nachdem der Junge gegangen war, wandte sich Kamal zu mir: «Hast Du das gesehen? Die Familie dieses Jungen ist pleite. Sonst hätten sie ihren Jungen geschickt, um eine ganze Box  Eier für einen besseren Preis zu kaufen.» Krämer wie Kamal hatten so stets einen guten Überblick über die Armut in ihrem Quartier und konnten Leute, die gerne Zakat geben wollten mit den betroffenen Familien in Kontakt setzen.

Nachbarn gehen sehr diskret vor, um mittellose Familien zu unterstützen. Diese Art der Fürsorge heisst auf Arabisch «bedecken» (satara) und bezeichnet zugleich das Decken der Kosten und das Verbergen von Not. «Bedeckte Familien» ist ein Synonym für Familien, die ihre eigenen Kosten nicht selber decken können. Ein Bedürfnis soll «gedeckt» werden, bevor es offensichtlich wird, um so niemanden in Verlegenheit zu bringen. Die Schamhaftigkeit von Not kann von Armen zugleich gegen ihre wohlhabenden Verwandten verwendet werden. Wenn diese im Beisein von Aussenstehenden um Hilfe gebeten werden, müssen sie Hilfe zusichern. Alles andere wäre ‘ayb.

Die Leute in Nablus nehmen zum Teil grosse Mühen auf sich, um zu verhindern, dass die Bedürftigkeit ihrer Verwandten öffentlich zur Schau gestellt wird. Layth, ein Nähmaschinenarbeiter Mitte zwanzig, machte sich oft Sorgen über die Erscheinung seines Cousins Ahmed. Als Ahmed seinen Job verlor und depressiv wurde, brachte ihn Layth zu einem gelehrten Sufi. Doch der konnte ihn nicht heilen. Ahmed schlief den ganzen Tag in schattigen Ecken von Moscheen. Als Layth sah wie Ahmed so herumlungerte und in die Luft starrte, wurde er wütend. Laut Layth wurde die Angelegenheit noch schlimmer: «Ahmed hat sich nicht mehr gepflegt. Wir mussten uns schämen. Mein Onkel und ich gaben Ahmed neue Kleider. Aber er weigerte sich, irgendetwas zu verändern.» Es kam zum Streit zwischen Layth und Ahmed. Am Schluss musste der Sufi-Gelehrte die beiden versöhnen.

Von Weltbildern und kleinen Gesten zur Idee des Sozialstaates

Die Bedürfnisse von Leuten ohne Geld im eigenen Umfeld zu «decken» ist nicht nur wichtig, damit die eigene Familie ihre Ehre und autonome Erscheinung aufrechterhalten kann. Es ist auch eine Pflicht für alle guten Muslime. Zakat ist nicht bloss eine milde Gabe. Es wird als der rechtmässige Anteil von Menschen in Not am Reichtum Gottes bezeichnet. Zakat soll in einer göttlichen Buchhaltung registriert werden. Dadurch machen die Gebenden ein «Darlehen» an Gott, welches im Diesseits oder erst im Jenseits mehrfach zurückerstattet werden soll. Die Idee einer gerechten göttlichen Buchhaltung ist notabene auch in die Erfindung europäischer Sozialstaaten eingeflossen. Der französische Anthropologe Marcel Mauss zitierte in den 1920er Jahren Koranverse, um ein staatliches Sozialwesen vorstellbar zu machen. Er schlug vor, die Verse zum Thema so zu lesen, dass man das Wort «Gott» durch «Gesellschaft» ersetzt.

Der Anspruch nach Gleichheit vor Gott oder das Bedürfnis nach Beziehungen auf Augenhöhe innerhalb einer Gesellschaft wird in der islamischen Praxis in Nablus durch Diskretion gegenüber Bedürftigen unterstrichen. Gleichzeitig ist das Verschleiern der eigenen Not ein Zeichen für die Tugendhaftigkeit von armen Familien. Die meisten mittellosen Familien, mit denen ich geredet habe, betonen stets, dass sie sich schämen oder scheuen, jemanden um Hilfe zu fragen. Viele sehen dies als Zeichen gottesfürchtiger Schüchternheit. Die Anthropologin Lila Abu-Lughod spricht in diesem Zusammenhang trefflich von Schamhaftigkeit als Ehre der Schwachen.

Unter Frauen wechselt Zakat während Kaffeekränzchen diskret die Hände. Meine Forschungsassistentin Marah Az hat solche Zusammenkünfte besucht und dabei in Erfahrung gebracht, dass Frauen während gegenseitigen Besuchen Wohnungen und Küchen nach Zeichen von Bedürftigkeit inspizieren; ein leerer Kühlschrank etwa kann ein Indiz dafür sein. Marah hat mir eine solche Zusammenkunft von verwandten und befreundeten Frauen beschrieben. Khadija, eine der Wohlhabenderen in der Runde, wusste, dass die Gastgeberin in einer schwierigen Lage war. Vor dem Gehen unbemerkt ein paar Banknoten unter ein Kissen auf einem Stuhl in der Wohnzimmerecke. Auf der Türschwelle küsste Khadija die Wangen der Gastgeberin und flüsterte ihr ins Ohr, dass sie etwas für sie in der Wohnung hinterlegt hatte und erklärte, wo sich die Gabe genau befand.

Dann sagte Khadija: «Gott segne dich.» – «Und Gott segne dich,» gab die Empfängerin zurück. Dann sagte Khadija: «Behüte Gott dich und deine Kinder.» Auch dieser Wunsch wurde erwidert, ehe Khadija endlich ging. Indem Khadija und die Gastgeberin während ihrer Verabschiedung Gott anriefen, traten Gegenseitigkeit und Gleichheit ins Zentrum. Dadurch wurden bei der Übergabe von Zakat die existierenden Klassenunterschiede kurz in den Schatten gestellt.

Gott als Quelle allen Reichtums

Zur Frage, ob sie ihre Gabe vor den anderen verborgen hatte, um die Empfängerin nicht zu beschämen, bemerkte Khadija später: «Nichts ist beschämend [‘ayb] an Zakat. Das gegebene Geld kommt von Gott. Es ist nicht wirklich unser Geld. Es ist unsere Pflicht, es zu verteilen.» Sie spielte das Beschämende an offenkundiger Not herunter, auch wenn ihre Handlung das Gegenteil suggerierte. In einem Versuch, die Gleichheit aller vor Gott zu unterstreichen, betonte Khadija in einer Demonstration von Bescheidenheit und Gottesfurcht, dass wir alle lediglich Kanäle seien, durch die Gott Geld und Güter fliessen lasse. Laut dem Koran ist nämlich Gott die Quelle allen Reichtums.

David Henig, der die islamische Praxis des Gebens im ländlichen Bosnien erforscht hat, schlägt vor, muslimisches Leben als ein permanentes Fliessen von Gottes Segen, Geld, Verdienst und Grosszügigkeit zu verstehen. Dies ermöglicht es Menschen, die politisch und ökonomisch repressiven Strukturen ausgesetzt sind – und gerade im Nahen Osten ist das eher die Regel als die Ausnahme –, ihr Selbstwertgefühl und Gemeinschaftssinn aufrecht zu erhalten. Zakat ist flexibel. Wenn institutionelle Kanäle blockiert werden, findet es neue Rinnsale, in denen es fliesst.

Die Herausforderung in Transaktionen von Zakat liegt darin, sie so erscheinen zu lassen, als ob Geber und Empfänger vor Gott gleich sind. Der unterschiedliche Zugang zu Reichtum muss unsichtbar gemacht werden. Dabei spielen Frauen eine wichtige Rolle, in dem sie ihren Männern helfen, Zakatgaben zu anonymisieren. Der Ladenbesitzer Kamal erzählte mir eine Geschichte über einen ehemaligen Schulfreund, der in Geldnot geraten war und seine Familie nur noch mit grosser Mühe versorgen konnte. Mitten im Ramadan sandte Kamal ihm neue Kleider für seine Kinder. Als der Freund herausfand, woher die Kleider kamen, schickte er sie umgehend zurück. Niemand sollte glauben, dass er bedürftig war. Kamal kaufte neue Kleider und gab sie seiner Frau, die einen diskreten Weg fand, die Kleider dem Schulfreund ihres Mannes zukommen zu lassen, ohne dass dieser den Ursprung der Gabe erahnen konnte. Erst jetzt nahm er die Gabe an.

 

Emanuel Schaeublin ist Sozialanthropologe an der ETH Zürich. Er lebte von 2013 bis 2014 ein Jahr in Nablus für seine ethnographische Feldforschung. Für den daraus hervorgehenden Artikel «Islam in face-to-face interactions: direct zakat giving in Nablus (Palestine)» (LINK) gewann er 2020 den Nachwuchspreis der Schweizerischen Akademie für Geisteswissenschaften (SAGW). Die Namen in diesem Text sind anonymisiert.

Dieser Artikel ist Teil eines Pilotprojektes für Wissenschaftskommunikation der SGMOIK. AkademikerInnen erhalten in diesem Rahmen journalistisches Mentoring beim Verfassen von Artikeln über Themen ihrer Forschung.  Der Beitrag wird in Kooperation mit dem Online-Magazin «Geschichte der Gegenwart» publiziert.