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Handschin-Preis, «musica rumantscha» und «Kuhreihen»: der erste Studientag der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft

Heinz Nauer
BildungFachgesellschaften

Am 17. September führte die Schweizerische Musikforschende Gesellschaft in Bern erstmals einen Studientag durch. Damit stellt sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs eine neue Plattform zur Verfügung, um sich besser zu vernetzen. Laura Decurtins und Rafael Rennicke erhielten in diesem Rahmen den Handschin-Preis. In ihren Dissertationen, für die sie ausgezeichnet wurden, reflektieren sie ganz unterschiedlich gelagerte regionale Traditionen der Schweizer Musik- und Kulturgeschichte.

Die Schweizerische Musikforschende Gesellschaft (SMG) verspricht sich vom Studientag «eine grössere Aufmerksamkeit bei Studierenden und Nachwuchsforschenden aller Schweizer Musikhochschulen und musikwissenschaftlichen Institute». Musikwissenschaftlerinnen und Musikwissenschaftler auf allen Stufen der akademischen Ausbildung konnten sich bewerben, um am Symposium ein Referat zu halten oder ein Poster zu präsentieren. Der Laie ist überrascht ob der thematischen Vielfalt der Beiträge: Sie reicht von der «Musikpraxis der Einsiedler Mönche» um 1800 (Eva-Maria Hamberger) oder der «Vortragskunst» des Gitarristen Miguel Llobet (1878–1938) (Cla Mathieu) über «Die Zwölftonmusik und der eiserne Vorhang» (Liisa Lanzrein) bis zu «Generation Z im Blasmusikwesen» (Yvan Chapuis).

Ausdruck einer «bündnerromanischen Seele»

Die SMG übergab im Rahmen des Studientags den Jacques-Handschin-Preis, der seit 2009 an junge Forscherinnen und Forscher verliehen wird. Die diesjährigen Preisträger sind die 35-jährige Laura Decurtins und der 41-jährige Rafael Rennicke. Decurtins erhält den Preis für ihre Dissertation «Chantai rumantsch! Zur musikalischen Selbst(er)findung Romanischbündens» (eingereicht in Zürich), die «auf beeindruckende Weise eine musikalische Sicht auf Romanischbünden» biete. Die «musica rumantscha» sei mehr als nur Musik aus Romanischbünden, sagt die Preistägerin in einem Interview in der Schweizerischen Musikzeitung: Sie sei seit der «grossen Selbstfindungswelle im 19. Jahrhundert als Ausdruck einer ‘bündnerromanischen Seele’ verstanden» worden.

 «Kuhreihen» bei Beethoven, Berlioz oder Mendelssohn

Rafael Rennicke erhielt den Preis für seine Dissertation «Erinnerungspoetik. Berlioz und die Ranz des vaches-Rezeption im 19. Jahrhundert» (eingereicht in Tübingen). Rennicke sei es in seiner Arbeit gelungen, die fachwissenschaftliche Debatte über die musikhistorischen Bedeutung des «Kuhreihens» auf eine neue Ebene zu heben. Der Terminus  «Kuhreihen» (→HLS) umfasst traditionelle Hirtenlieder in den Schweizer Alpen und im höheren Mittelland, die ins Werk von Komponisten wie Ludwig van Beethoven, Hector Berlioz oder Felix Mendelssohn Eingang fanden. Rennicke im Interview:

«Die Hör- und Kompositionsgeschichte des 19. Jahrhunderts wäre ohne das Erleben und das Wissen um die Wirkungsweisen des Kuhreihens zweifellos um ein entscheidendes Kapitel ärmer»

Der Preisträger und die Preisträgerin erhalten je ein Preisgeld von 3000 Franken. Die SMG vergibt den Handschin-Preis seit 2009 alle zwei Jahre an junge Musikwissenschaftlerinnen oder -wissenschaftler, die an einer Schweizer Hochschule tätig sind oder deren Arbeiten einen inhaltlichen Bezug zur Schweiz aufweisen. Der Preis ist nach dem Schweizer Musikwissenschaftler und Organisten Jacques Handschin (1886–1955) (→HLS) benannt.