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Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Wer würde denn die Geisteswissenschaften vermissen? – eine frei gedachte Replik auf eine aufgefallene NZZ-Debatte

Marlene Iseli

Hans Ulrich Gumbrecht schlägt in seinem Artikel «Wer würde denn die Geisteswissenschaften vermissen?» vom 29. Oktober in der NZZ die Verlagerung der Geisteswissenschaften ins Private vor, Ludwig Pfeiffer in seiner Reaktion den Rückzug ins Ästhetische. Beiden gemein ist die eigentliche Provokation, den betroffenen Fachbereichen das Wissenschaftliche abzusprechen. Typografisch illustriert wird dies mit Anführungszeichen, indem von den Geistes-«Wissenschaften» die Rede ist. Ähnliche Gedanken prägen ebenfalls den Beitrag von Birgit Schmid zur Dekonstruktion der Gender-Studies, in dem sie die Verstrickungen zwischen deren Untersuchungsgegenständen und der Lebenswelt problematisiert. Der Begriff der Ideologie als Gegensatz zur werteneutralen wissenschaftlichen Theorie wird dabei ebenso bemüht wie auch das Bild der Wissenschaftlerin als kämpfende Aktivistin und gleichermassen als Initiantin öffentlicher Bewegungen. Damit wird eine erste grosse Kritik an die Geisteswissenschaften adressiert: die ideelle Voreingenommenheit ihrer Akteure.

Verbunden mit dieser Kritik ist der Vorwurf, dass Andersdenkende keinen Platz mehr in der geisteswissenschaftlichen Gemeinschaft finden. Sie werden umgehend in die politisch rechte Ecke gestellt oder aber, ganz systematisch, von den einflussreichen Positionen ferngehalten. Gemäss Niall Ferguson ist der akademische Linksrutsch nicht nur Katalysator von Konformität und zugleich Ausdruck und Anstoss zur politischen Korrektheit, die inzwischen sämtliche öffentliche Bereiche durchdringt. Er ist auch das Resultat einer über Jahre hinweg geplanten Machtpolitik der vermeintlich progressiven akademischen Kräfte. Der Kurzschluss zwischen Geisteswissenschaften und dem anglosächsischen Übel der obsessiven Minoritätspolitik wird in diesem Interview besonders gut illustriert. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Geisteswissenschaften in dieser Zeitdiagnose echte Diversität verhindern und dass ein problematischer Kulturwandel von den Universitäten ausgeht.

Wo fängt Wissenschaftlichkeit an und wo hört sie auf?

Der Reflex, den Geisteswissenschaften die Wissenschaftlichkeit abzusprechen, scheint aus diesem Blickwinkel naheliegend zu sein. Dies wird nicht nur mit der Vermutung einer fehlenden Ergebnisoffenheit in der Forschung ausgedrückt. Auch wird den Geisteswissenschaften eine Obsession auf die Forschungsmethoden nachgesagt, einer leeren Professionalisierung, die sich mehr der Akkuratesse verschreibt als dem eigentlichen Nachdenken. Diese Fokussierung auf die Methode anstelle des Inhalts hängt direkt mit der Relevanzfrage zusammen. Hier zeigt sich das Spannungsfeld, in dem sich die Geisteswissenschaften befinden: Können sie sich nicht auf methodologische Prinzipien wie Intersubjektivität und Stringenz berufen, kann ihnen subjektive Deutung vorgeworfen werden. Der Preis dafür ist der nachvollziehbare Einwand, dass ob der ganzen methodischen Vereinnahmung die wirklich relevanten Fragestellungen nicht beantwortet werden, weil sie sich unter Umständen nicht empirisch untersuchen lassen. Nimmt der Interpretationsprozess hingegen unter Referenzieren auf ausgewählte Quellen einen freieren Lauf, würde ihnen in empiriegetriebenen Zeiten schnell mal die Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Zahl und Algorithmus scheinen der enorm wachsenden Bevölkerungsgruppe von Wissenskonsumenten mehrheitlich weniger suspekt zu sein als das Wort und gelten allgemein als objektiver. Hier stellt sich die Frage, wo Wissenschaftlichkeit beginnt und wo sie aufhört. Zumindest sind sich die Geisteswissenschaften bewusst, dass sie als Subjekt im Erkenntnisprozess eine aktive Rolle einnehmen, wie dies in allen wissenschaftlichen Bereichen zutrifft.

Einige Fragen drängen sich auf

Wie sicher ist ganz allgemein die wissenschaftliche Praxis vor der Voreingenommenheit ihrer Vertreter? Kann Wissenschaft politisch neutral sein? Wissenschaft basiert auf Annahmen, sogenannten Prämissen. Auch in naturwissenschaftlichen Disziplinen. Birgit Schmid bezichtigt die Gender-Studies, im Bereich der Gendermedizin der medizinischen Forschungspraxis Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen. Dies sei insofern ungerechtfertigt, weil die bis vor Kurzem andauernde Fokussierung auf den männlichen Patienten in Untersuchungsdesigns in einer männerdominierten Sphäre vollzogen wurde. Ungeachtet der unterstellten Misogynie zeigt das Beispiel doch auf, dass biochemische und sozial verstärkte Unterschiede zwischen Mann und Frau offenbar lange Zeit von praktizierenden Medizinern entweder unbeachtet blieben oder als vernachlässigbar betrachtet wurden. Es ist wohl den Entwicklungen hin zur personalisierten Medizin zu verdanken, dass nun vermehrt das Individuum in den Blick genommen wird. Dennoch ist es fast unmöglich nachzuvollziehen, woher diese Sensiblisierung genau kommt.

Birgit Schmid schreibt in ihrem Artikel den Gender-Studies einen grossen gesellschaftlichen Impact zu, wenn sie den von ihr umrissenen Kulturwandel als Produkt der universitären Doktrin sieht. Interessanterweise zeigt sich auch hier, in welchem Spannungsfeld sich die Geisteswissenschaften befinden. Gesellschaftliche Wirksamkeit, d.h. der gesellschaftliche Mehrwert (geistes-)wissenschaftlichen Tuns, ist auf der politischen Agenda weit oben auf der Kriterienliste für die Vergabe von Forschungsgeldern, gerade auf europäischer Ebene. Für die Finanzierung von Forschung wird zunehmend erwartet, dass sich die Investition entweder für die Wirtschaft oder für die Gesellschaft lohnt oder sich zumindest rechtfertigen lässt. Der Wissenschaftler soll damit aus seinem Elfenbeinturm herausgelockt werden – aber eben bitte nur moderat. Er soll neutrale Evidenzen für die Politik und Wirtschaft liefern, und diese bereits zu Beginn eines Forschungsprojekts antizipieren. Auch hier ziehen wir den Bogen zur angeblich vermissten Ergebnisoffenheit der Gender-Studies.

Gesellschaftliche Erwartungen – der Return on Investment

Dies schliesst an die Frage an, welche Erwartungen der Wissensgesellschaft an die Wissenschaften gerichtet werden. Die junge Steuerzahlerin, die auch die Geisteswissenschaften finanziert, soll etwas davon haben. Idealerweise sollen sich die Geisteswissenschaften den grossen gesellschaftlichen Herausforderungen annehmen und Erkenntnisse zu Migration oder zu den Nachhaltigkeitszielen der Unesco liefern. Evidenzbasierung wird auch in der Politik eingefordert. Dabei sollen die Wissenschaftlerinnen werteneutral bleiben und in pluralisierten Gesellschaften sicher keine genderneutralen Toiletten als Massnahmen zur Anerkennung von einer vernachlässigbaren Minderheit vorschlagen. Sarkasmus beiseite: Mehrere Disziplinen der Geisteswissenschaften weisen durchaus ein Potenzial auf, zum erwünschten Transformationswissen beitragen zu können. Andere laufen ähnlich der Grundlagenforschung in der Astrophysik oder Mathematik nicht auf eine kommunizierbare Anwendung zu. Doch ist ihr Beitrag nichts weniger als ein Versuch, die menschliche Existenz in all ihren Facetten zu fassen. Dass dabei die Interpretation von Fakten, deren Kontextualisierung und Bedeutungszuschreibungen durch die Linse der Gegenwart zum Kernauftrag dazugehört, liegt auf der Hand.

Fragen an die NZZ

Mit der Frage der Erwartungen direkt verbunden ist die Frage der Finanzierung. Die Finanzierungsfrage wiederum kennt verschiedene Kriterien. Die Nutzbarkeit von Wissen wurde bereits bezeichnet, die Glaubwürdigkeit von praktizierter Forschung ebenso. Beim Verfassen dieser Replik stellt sich die grundlegende Frage, was hier in der NZZ eigentlich verhandelt wird. Geht es nicht in erster Linie um einen importierten Diskurs aus den USA? Es ist tatsächlich so, dass die Geisteswissenschaften in den USA an Boden verlieren. An den Hochschulen werden ihre Fachgebiete stetig zu Nebenfächern degradiert, was umgehend Fragen ihrer Finanzierbarkeit und letztlich ihres Werts für die Gesellschaft mit sich bringt. Gumbrecht verschiebt die Krise in die Schweiz, indem er etwa auf die punktuell verschwindend kleinen Studierendenzahlen an den romanistischen Lehrstühlen in der viersprachigen Schweiz verweist. Aus Kalifornien scheint der dabei die entsprechenden Studierendenzahlen an den französischsprachigen Universitäten nicht im Blick zu haben. Dass alle Historiker politisch links gesinnt seien, wurde in der Deutschschweiz bereits in der Weltwoche verhandelt. Auch hier wäre die wirklich interessante Frage, ob dies, sofern zutreffend, denn ein Indiz einer akademischen Verschwörungstheorie und Vetternwirtschaft ist? Oder ob aus der Auseinandersetzung mit einem breiten und diversifizierten Kanon zur sozialen Ungleichheit sich nicht eher Grundsätze herauskristalisieren, die vom linkspolitischen Ansatz besetzt werden?

Vorbote aus den USA?

Ist die Krise der Geisteswissenschaften in den USA Vorbote für eine Krise in der Schweiz? Und wäre eine solche selbstverschuldet? Widerspiegelt die Krise in den USA nicht Auswüchse der Verwirtschaftlichung von Hochschulen, die eben keine Wissensproduktionsstätten sind und sich daher ökonomische Prinzipien nur teilweise einverleiben lassen. Selbstreflexion und ein kritisches Selbstverständnis der Geisteswissenschaften können nicht schaden. Doch ist es sinnvoll, eine solche Debatte in der Öffentlichkeit zu führen, in einem Dialog, der in einer Zeitung eigentlich keiner sein kann? Welcher Mehrwert soll dabei entstehen? Man kann verstehen, wenn ein Bezweifeln der Wissenschaftlichkeit und Relevanz der Geisteswissenschaften im Feuilleton einer Qualitätszeitung eher als Provokation gelesen wird als, wie an verschiedener Stelle moniert, freies Denken.

In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Querdenken hat sich der Feuilleton-Chef direkt auf die Fahne geschrieben und mit seinem Beitrag über die «wohltuende Wirkung der sozialen Ungleichheit» vorgezeigt, wie man aus dem Mainstream ausbrechen kann. Darin wirft er vielen Intellektuellen vor, zu kurz zu denken. Doch drängt sich nicht die übergeordnete ergebnisoffene Frage auf, in welcher Gesellschaft wir leben wollen? Wenn die Geisteswissenschaften sich ins Private zurückziehen oder sich ausschliesslich dem Ästhetischen zuwenden, heisst das konsequent gedacht nicht weniger, als dass sie sich aus den Hochschulen zurückziehen – denn: Niemand kann bezweifeln, dass im heutigen Wissenschaftssystem nicht die Forschung Primat ist und Drittmittelgelder generiert. Alleine auf die Lehre zu setzen ist keine Option. Dieses Ausscheiden aus einem institutionellen Gefüge, das mindestens vom Grundgedanken her sämtliche Forschungstraditionen umfasst, wäre die Krönung einer technikgläubigen und innovationsgetriebenen Gesellschaft, die vielerorts in linearen Prozessen plant und sich der Kosten-Nutzen-Kalkulation verschreibt. Wie sich das Subjekt in diesem Lebensraum fühlt, welche Ängste oder Sehnsüchte es empfinden kann, wie sich das Menschsein aushalten oder bereichern lässt und wie uns die ewig über uns schwebende Gewissheit des Sterbens antreibt, sind grundlegende Fragen der menschlichen Existenz. Die institutionalisierte und nicht auf Profit ausgerichtete Auseinandersetzung damit ist deshalb essenziell, weil so zumindest sichergestellt werden kann, dass der an Philosophie interessierte Laie in seinem Selbststudium nicht der Filterblase, oder dem Echokammer-Effekt erliegt oder «Frauen sind von der Venus, Männer vom Mars» als reliable Analyse der Geschlechterverhältnisse liest. Wer würde denn die Geisteswissenschaften vermissen? Wohl am ehesten das Individuum, das sich in einem okzidentalen nicht so ganz restlos meritokratischen System und in einer nicht so ganz konfliktarmen Monogamie und in einer nicht so ganz stressfreien Arbeitssituation ab und zu Fragen nach dem Sinn stellt und auch mal froh ist, etwas über Dialektologie oder über Rituale im Amazonasgebiet zu hören. Und dies ist nur ein kleiner Teil dessen, was die Geisteswissenschaften leisten (www.sagw.abouthumanities.ch).

Quellen

https://www.nzz.ch/feuilleton/hans-ulrich-gumbrecht-geisteswissenschaften-wer-vermisste-sie-ld.1518223

https://www.nzz.ch/feuilleton/geisteswissenschaften-es-zaehlt-die-aesthetische-kompetenz-ld.1520029

https://www.nzz.ch/feuilleton/gender-studies-frausein-als-doktrin-ld.1520200

https://www.nzz.ch/feuilleton/niall-ferguson-als-rechter-bist-du-ein-potenzieller-nazi-sozialisten-und-kommunisten-hingegen-sind-moralisch-einwandfreie-sozialdemokraten-ld.1467954

https://www.nzz.ch/meinung/ueber-die-wohltuende-wirkung-der-ungleichheit-ld.1503539

Dr. Marlene Iseli

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

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