Übersicht
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Jahresversammlung

Relevanz, Valorisierung und Sichtbarkeit der Geistes- und Sozialwissenschaften

Beatrice Kübli

Am 24. Mai 2019 trafen sich die Präsidentinnen und Präsidenten der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachgesellschaften anlässlich der Jahresversammlung, um über die gegenwärtige Situation ihrer Disziplin zu diskutieren. Als Grundlage diente das SAGW-Positionspapier «Empfehlungen für eine wirksame Förderung der Geistes- und Sozialwissenschaften zuhanden der Träger und Organe des BFI-Bereichs».

Verschiedene Berichte [1] und Tagungen der SAGW der vergangenen Monate zeichnen ein klares Bild: Die Geistes- und Sozialwissenschaften haben einen schweren Stand. Bei der orientierten Forschung werden sie nur am Rande berücksichtigt, von der Innovationsförderung sind sie gar fast vollständig ausgeschlossen. Die Leistungen der Geistes- und Sozialwissenschaften werden unzulänglich erfasst und ihr Beitrag zur Wertschöpfung ist kaum je Thema. Was tun?

Internationale Programme

Ein Mittel, um die Sichtbarkeit der Geistes- und Sozialwissenschaften zu erhöhen, ist, sich an den bestehenden Aktionen auf der internationalen Politagenda zu beteiligen. Die SAGW schlägt hierzu derzeit zwei Themen vor: die Sustainable Development Goals und «Ageing Society».

Sustainable Development Goals (SDGs)

17 Nachhaltigkeitsziele der UNO-Agenda 2030 betreffen teilweise direkt Themen der Geistes- und Sozialwissenschaften, teilweise brauchen sie zumindest deren Unterstützung. Die SDGs bieten also eine ideale Plattform, um die Arbeit der Geistes- und Sozialwissenschaften sichtbar zu machen und ihrenImpact auf die Gesellschaft zu valorisieren. Zurzeit läuft bei der SAGW eine Veranstaltungsreihe mit Themen zu verschiedenen SDG-Zielen. Es ist davon auszugehen, dass der SNF demnächst einiges in SDG-Projekte investieren wird. Auch wenn es keine explizit kulturellen Ziele genannt werden, ist es wichtig, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften hier mitwirken.

Ageing Society

2015 verabschiedete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den «Global Strategy and Action Plan on Ageing and Health». Erstmals definiert sie damit Gesundheit unter anderem im Hinblick auf eine Stabilisierung der Lebensqualität und berücksichtigt so geistes- und sozialwissenschaftliche Aspekte. Die Themen Alter und Gesundheit stossen bei den Präsidentinnen und Präsidenten auf Interesse. Wie nimmt unsere Gesellschaft das Alter wahr und wie und weshalb hat sich diese Wahrnehmung in den letzten Jahren verändert? In der Tat zeichnet sich ein Widerspruch ab zwischen unserer auf Leistung und Effizienz ausgerichteten Gesellschaft und dem wachsenden Anteil an Seniorinnen und Senioren. Mit der «a+ Swiss Platform Ageing Society» sucht die SAGW Lösungen und fördert die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis.

Themen besetzen

Um ihren Impact aufzuzeigen, müssen die Geists- und Sozialwissenschaften Themen besetzen. Sie können sich wie oben beschrieben in Themen der Nachhaltigkeit und der Gesundheit einbringen oder auch eigene Themen gestalten. Eine Möglichkeit dazu bietet die SAGW-Veranstaltungsreihe «La Suisse existe – La Suisse n’existe pas». Hier wird ein bestimmtes Thema – zurzeit «Raum–Espace» – aus Sicht der verschiedenen Disziplinen bearbeitet. Sechs Themen standen bisher auf der Agenda. Die Ergebnisse der Veranstaltungsreihen wurden teilweise in Publikationen festgehalten.

Bessere Vernetzung

Wichtig ist weiter, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften stärker zusammenarbeiten. Dazu muss man erst wissen, wer was macht. Die SAGW kann hier als Drehscheibe fungieren und über die verschiedenen Projekte der Fachgesellschaften berichten. Immer unter der Voraussetzung, dass sie über die Projekte informiert ist. Eine Möglichkeit, die verschiedenen Projekte zu vermitteln und zu valoriseren, bietet die neue SAGW-Website. Filter und eine neue Menu-Führung erleichtern die Orientierung und verschaffen Überblick. Denkbar sind auch neue Kommunikationsformate wie beispielsweise interaktive Plattformen für die Zusammenarbeit. Netzwerke, der Aufbau und die Stärkung einer Community, bündeln Expertise und erlauben eine schnelle Reaktion auf aktuelle Themen – und dadurch eine bessere Sichtbarkeit der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Ausblick

Der Nachweis von Societal Impact gewinnt an Bedeutung. Es ist absehbar, dass die Präsentation von Resultaten mehr als bisher zum wissenschaftlichen Alltag gehören wird. Die Geistes- und Sozialwissenschaften sollten dies als Chance nutzen und das Feld hier nicht den Naturwissenschaften überlassen. Wo geistes- und sozialwissenschaftliche Expertise gefragt ist, diese aber nicht ausreichend geleistet wird, – wie beispielsweise im Bereich der Umweltpolitik – werden andere Disziplinen die Lücken füllen. Aber es geht nicht nur um die grossen gesellschaftlichen Herausforderungen. Handlungsbedarf gibt es auch in klassischen geistes- und sozialwissenschaftlichen Themen, wie beispielsweise bei der Sicherung von Wissensorten. Wo sich die Geistes- und Sozialwissenschaften einbringen, welche Themen sie primär besetzen, wie das vermittelt wird und welche Effekte damit erzielt werden sollen, sind strategische Fragen, die zunächst geklärt werden müssen.

[1] Berichte zur Situation der Geistes- und Sozialwissenschaften:
«Empfehlungen für eine wirksame Förderung der Geistes- und Sozialwissenschaften zu-handen der Träger und Organe des BFI-Bereichs», sagw.ch/sagw/angebot/publikationen/details/news/empfehlungen/
Hildbrand, Thomas (2018): Next Generation: Für eine wirksame Nachwuchsförderung (Swiss Academies Reports 13,1). doi.org/10.5281/zenodo.1216424
Schmidlin, Sabina (2018): Finanzierung von Forschung und Innovation durch den Bund ab 2008 (Swiss Academies Report 13,3). doi.org/10.5281/zenodo.1475753
Iseli, Marlene und Markus Zürcher (2018): Zur Diskussion: Qualität vor Quantität (Swiss Academies Communications 13,5). doi.org/10.5281/zenodo.1409674
Iseli, Marlene (2019): Internationale Kooperation und Vernetzung in den Geisteswissenschaften (Swiss Academies Reports 14,3). doi.org/10.5281/zenodo.2537674
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (2018): Innovation – Anregungen / Impulse aus den Geistes- und Sozialwissenschaften (Swiss Academies Communications 13,1). doi.org/10.5281/zenodo.1168410